Simulationsforscher Popper: Zahlen steigen weiter, noch keine Sättigung

Bei rund zehn Prozent mehr Geimpften könnte man sich die Debatte über neue Corona-Maßnahmen sparen, sagt der Simulationsexperte Niki Popper. Einen flächendeckenden Lockdown hält er für „undenkbar". Viele Hoffnungen hegt der Mathematiker hinsichtlich der vermutlich bald kommenden Impfoptionen für Kinder.

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Die Maßnahmen bringen auf den Intensivstationen eher erst Mitte Dezember Entspannung, prognostiziert Simulationsexperte Niki Popper.
© HERBERT NEUBAUER

Wien – Die Zahlen bei den Covid-19-Neuinfektionen werden in nächster Zeit noch „weiter nach oben gehen", so der Simulationsforscher Niki Popper im Gespräch mit der APA. Eine „Sättigung“ – also ein Abflachen der Kurve, weil durch durchgemachte Infektionen und Impfungen kaum mehr ansteckbare Menschen bleiben – sei vielleicht nicht weit weg. Bitter sei aber die Erkenntnis, dass es jetzt wieder Maßnahmen brauche, die man sich bei nur rund zehn Prozent mehr Geimpften sparen könnte.

Trotz der zuletzt dramatischen Fallzahlentwicklung – am Donnerstag wurden österreichweit 8593 Neuinfektionen gemeldet – ist ein flächendeckender Lockdown für Popper aus vielen Gründen „undenkbar". Im Endeffekt befindet sich Österreich in einem Wechselspiel, in dem die Grunddynamik durch die Delta-Variante schon nach dem Sommer relativ hoch war, sich dann noch durch den ausschleichenden günstigen saisonalen Effekt einigermaßen auf einem Plateau gehalten hat, und die nun ansteigt.

Viele Faktoren

Bis wohin genau es gehen könnte, kann der Experte nicht sagen, denn es gibt viele Faktoren, die hier mit wirksam sind. Zuerst ist dies die Immunisierungsrate durch die Impfung oder eine durchgemachte Erkrankung. „Die Hoffnung war, dass wenn die Grunddynamik stärker wird, wir das durch die Immunisierung ausgleichen können. Jetzt sehen wir, dass das nicht der Fall ist. Das prognostizieren wir aber seit Sommer", betonte der Wissenschafter von der Technischen Universität (TU) Wien und dem TU-Spin-off dwh, der Teil des Prognosekonsortiums ist.

Das Credo „Es ist nicht vorbei“ und „Wir brauchen mehr Neugeimpfte“ hätten Experten in den vergangenen Wochen nicht umsonst wiederholt. Die Neuimpfungen seit September alleine hätten offensichtlich nicht ausgereicht, um das Fortschreiten abzufedern. „Wir sind aber nicht weit entfernt", so der Experte.

Als dritter Faktor kommen jetzt wieder verstärkt Eindämmungsmaßnahmen ins Spiel. Die jetzt gesetzten und in Aussicht gestellten Maßnahmen sind „zumindest in den ersten Stufen (des Planes der Bundesregierung; Anm.) nicht sehr stark". Außerdem kommen sie spät und werden erst mit Zeitverzug wirksam. Ob der Bund und die Länder hier nun wirklich etwas bei den Neuinfektionen bewirken können, sei schwer einzuschätzen.

„Der Zug fährt jetzt"

Relativ klar sei, dass die Effekte auf die Belegung der Intensivbetten durch Covid-19-Patienten in der nächsten Woche in Richtung 400 gehen werden. Die direkten Auswirkungen der neuen Maßnahmen auf die entscheidende Krankenhaussituation haben jedoch einen gehörigen Zeitverzug in Richtung Mitte Dezember. Popper: „Der Zug fährt jetzt."

Irgendwann kämen dann allerdings auch Sättigungseffekte durch weitere Impfungen und die jetzt stark steigenden Genesenenzahlen dazu. „Das wird regional unterschiedlich sein", so Popper. Besonders paradox: Gerade in jenen Gegenden, in denen die Inzidenzen aktuell besonders hoch sind, könnte sich das Blatt zuerst wenden. Große Genugtuung sollte sich dann dort aber nicht einstellen, denn der Preis für diese Strategie des Nicht-Sehens der Zusammenhänge sei hoch. „Das ist das Ärgerliche daran. Hätten wir in manchen Bereichen nur zehn Prozent mehr Geimpfte, müssten wir über all das gar nicht diskutieren", sagte Popper.

Hätten wir in manchen Bereichen nur zehn Prozent mehr Geimpfte, müssten wir über all das gar nicht diskutieren.
Simulationsexperte Niki Popper

Gesamtgesellschaftlich habe sich Österreich für eine Strategie entschieden, bei der man die Pandemie in Teilbereichen auch durchlaufen lässt – mit all den Folgewirkungen. „Jetzt müssen wir damit zurechtkommen.“ Das gelte für jene, die keine Gefährdung erkennen wollen, ebenso wie auch für jene, die sich anders verhalten. Aufpassen müsse man laut Popper, dass die verschiedenen Seiten nicht noch weiter polarisiert werden.

Hoffnung auf Impfung für Kinder

Viele Hoffnungen hegt der Simulationsforscher hinsichtlich der vermutlich bald kommenden Impfoptionen für Kinder unter zwölf Jahren. Denn auch in Gegenden mit einer hohen Impfrate unter der aktuell impfbaren Bevölkerung zeige sich, dass die Ansteckungen unter Menschen, die etwa wegen ihres geschwächten Immunsystems keinen ausreichenden Schutz aufbauen können, und eben jungen Menschen weiter gehen – wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau.

Letztlich sehr wichtig seien die nun auch hoffentlich bald Fahrt aufnehmenden Drittimpfungen, die dem Nachlassen der Wirksamkeit nach rund sechs Monaten wirksam entgegensteuern. Diese werden dann ihren Effekt am Beginn des neuen Jahres zeitigen. „Das Impfen muss daher die Hauptstrategie bleiben", betonte Popper: „Man muss eben nachimpfen. Es ist das kleine Übel." (APA)


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