Forscher: Erderwärmung von zwei Grad macht Milliarden zu Flüchtlingen

Während die Bedrohung der Klimaveränderung für Menschen in Europa nur schwer greifbar sei, gehe es für Bewohner des globalen Südens um ihre Existenz, erklärt der Umweltforscher Adil Najam.

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Durch die Erderwärmung werden extreme Wetterereignisse wie Dürren oder Überflutungen weltweit immer häufiger. Zu spüren bekommen das vor allem Menschen in ärmeren Ländern des globalen Südens.
© LUIS TATO

Wien, Glasgow – Der Umweltforscher Adil Najam warnt vor drastischen Folgen der Erderwärmung: Rund 2,5 Milliarden Menschen verlieren nach Ansicht des Wissenschafters ihre Lebensgrundlage, wenn die Temperatur auf der Erde um zwei Grad steigt. "Das Klima verändert sich viel schneller als wir unseren Lebensstil anpassen", so Najam. Während die Bedrohung der Klimaveränderung für Menschen in Europa nur schwer greifbar sei, gehe es für Bewohner des globalen Südens um ihre Existenz.

Große Bereiche in betroffenen Gebieten könnten – etwa wegen der Erhöhung des Meeresspiegels oder wegen Dürre – komplett verschwinden oder auf Dauer unbewohnbar werden. Wenn Fischer und Bauer in ihrer Heimat nicht mehr für den Lebensunterhalt ihrer Familie sorgen können, bleibe ihnen nur noch die Migration innerhalb ihres Landes oder in andere Staaten, so Najam (56), der am Mittwoch auf Einladung des Wiener Instituts für Dialog und Kooperation (VIDC) in Wien war. Auf diese absehbaren Entwicklungen sollte sich die Staatengemeinschaft einstellen und entsprechende Vorkehrungen treffen.

📽 Video | Städte weltweit vom Meeresspiegel-Anstieg bedroht

Zwischen 2000 und 2019 waren nach Angaben des Globalen Klima-Risiko-Index 2021 Puerto Rico, Myanmar und Haiti weltweit am stärksten von extremen Wetterereignissen betroffen.

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Dabei sei der Anteil jener besonders stark betroffenen Länder an der Klimakrise verschwindend gering. "Diese Länder zahlen den Preis für unsere Sünden", sagte der gebürtige Pakistani und Professor für internationale Beziehungen, der an der Universität Boston Dekan für Global Studies ist. Ohne Veränderungen der Lebensstile und der Konsumgewohnheiten in den reichen, westlichen Ländern könne die Klimakrise nicht aufgehalten werden.

Forscher erwartet sich von UN-Klimakonferenz nur "heiße Luft"

In die aktuell laufende UNO-Klimakonferenz COP26 setzt er nur wenig Hoffnung. "Ich erwarte mir am Ende heiße Luft und Statements – mehr nicht", so Najam. Er sei in der Vergangenheit glühender Anhänger der Konferenzen gewesen, habe die Hoffnung auf echte Bewegung, die dort entstehe, aber verloren. Dabei sieht er das Versagen nicht nur bei der Politik. "Der Druck aus der Öffentlichkeit muss noch größer werden, dann hätte die Politik auch noch mehr Handlungsspielraum", so Najam. Bei der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, welch drastische Schritte in kurzer Zeit umgesetzt werden können, wenn die Bedrohung von allen Seiten ernst genommen wird.

📽 Video | ORF-Korrespondentin vom Klimagipfel in Glasgow

Bei der COP26 ringen seit Sonntag rund 200 Staaten darum, wie das Ziel noch erreicht werden kann, die Erderwärmung auf ein erträgliches Maß von maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Mit ihren aktuellen Plänen steuert die Welt den Vereinten Nationen zufolge aber auf 2,7 Grad Erderwärmung zu.

Hoffnung auf junge Generation

Doch der Forscher sieht trotzdem positiv in die Zukunft: "Die junge Generation weiß, dass sie die Klimakrise selbst betrifft. Für sie ist es persönlich." Bald würden jene Frauen und Männer an den Schalthebeln der Gesellschaft sitzen. Zudem gebe es so viele Ressourcen und Technologien wie noch nie in der Geschichte. (APA)


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