Auf-, Ab- und Quersiedelei bei der Tiroler Künstlerschaft

„Dancing at the Edge of the World“ als starke Ansage für das Jahresprogramm von Künstlerschaft-Chefin Petra Poelzl: Teil 1 und 2 im Kunstpavillon und in der Neuen Galerie.

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Ein bunter „Wappenvorhang“ als Einstimmung auf die Ausstellung „Options“ von Riccardo Giacconi im Innsbrucker Kunstpavillon.
© WEST. Fotostudio

Von Edith Schlocker

Innsbruck – In Innsbruck ist Petra Poelzl, die vor fast zwei Jahren Ingeborg Erhart als Leiterin der Tiroler Künstlerschaft beerbt hat, längst angekommen. Um bisher allerdings hauptsächlich von ihrer Vorgängerin „geerbte“ Ausstellungen umzusetzen, während die zwei aktuellen im Kunstpavillon bzw. in der Neuen Galerie, mit denen ein einjähriger Programmzyklus eingeleitet wird, ganz die Handschrift der gelernten Theaterwissenschafterin und Sinologin tragen.

„Dancing at the Edge oft the World“ ist sein Thema, das, sich beziehend auf Texte von Ursula K. Le Guin, Möglichkeitsräume eröffnen soll, die nicht in kolonialen, patriarchalen und xenophoben Denkweisen verankert sind. Denn solche mit den Mitteln der Kunst aufzutun, sei gerade in pandemischen Zeiten wie den aktuellen, wo laut Poelzl „eine historische Amnesie durch breite Teile der Gesellschaft zieht“, ein Gebot der Stunde. Um zum Einstand in der Form von zwei konträren Ansätzen in der Neuen Galerie und im Kunstpavillon etwa die Frage zu verhandeln, wie ein bewussterer Umgang mit dem Gestern gelingen könnte.

Weniger eine Ausstellung im üblichen Sinn als die sinnlich aufbereitete Zelebration eines umfassenden Forschungsprojekts zum Thema Option ist der Beitrag des jungen Italieners Riccardo Giacconi im Kunstpavillon. Um am Beispiel der Ereignisse zwischen 1939 und 1945, in der die deutschsprachige Südtiroler Bevölkerung vor die Wahl gestellt wurde, im faschistischen Italien zu bleiben oder „heimzukehren“ ins nationalsozialistische Deutsche Reich, aufzuzeigen, was so eine „Option“ bedeutet .

Giacconi hat zu diesem Thema nicht zuletzt auch als Stipendiat im Künstlerhaus Büchsenhausen in Innsbrucker Archiven geforscht und daraus eine Ausstellung gemacht. Die mehr sein will als eine Zeitreise, sondern auch als an der Vergangenheit aufgehängter Kommentar zum Heute gelesen werden will. Wozu man allerdings ein sehr feines Sensorium haben muss.

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Handelt der Großteil von dem, was hier zu sehen und hören ist, doch weniger von Optionen in einem weiteren Sinn, als ganz konkret von der Südtiroler Option. Angefangen mit dem aus bunten Plastikteilchen gepuzzelten „Wappenvorhang“, einem fiktiven Katalog von realen Wappen Südtiroler Städte sowie zum heraldischen Zeichen gewordenen Propaganda-Symbolen pro Option.

Dahinter wird es dunkel, taucht der Ausstellungsbesucher ein in einen Raum, in dem getrocknete Wurzeln wie Marionetten von der Decke abgehängt an Schnüren baumeln. Unschwer lesbar als Metapher für die durch das Verlassen der Heimat Entwurzelten, begleitet von einer Audiospur mit Auszügen aus Briefen von Gebliebenen und Gegangenen sowie Propagandamaterial. Das aus zehn Geboten bestehende „Merkblatt für Umsiedler“, das nebenan liegt, wird im Keller des Pavillons in dekonstruierter Form schräg ad absurdum geführt. Wenn es 20 Minuten lang um Einsiedeln und Heimsiedeln, Auf-, Ab- und Quersiedeln oder Sich-Freisiedeln geht.

Dass ausgerechnet in der in der imperialen kaiserlichen Hofburg eingerichteten Neuen Galerie die Ausstellung „Archives of Resistance and Repair“ eingerichtet ist, hat schon was. Geht es in den Arbeiten von Shiraz Bayjoo, Maeve Brennan und Onyeka Igwe doch um die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit aus antiimperialistischer Perspektive. Um nicht zuletzt mit der Illusion aufzuräumen, Archive seien absolut objektive Quellen der Information. Wie die drei in Großbritannien lebenden KünstlerInnen mit diesen Verwahrungsorten umgehen, ist spannend. Um Fragen aufzuwerfen, wie etwa die, was bei der Konservierung von Geschichte ganz bewusst vergessen oder schöngedeutet worden ist.

  • Kunstpavillon. Rennweg 8a, Innsbruck; bis 15. Jänner, Mi–Fr 12–18 Uhr, Sa 11–15 Uhr
  • Neue Galerie. Rennweg 1, Innsbruck; bis 15. Jänner, Mi–Fr 12–17 Uhr, Sa 11–15 Uhr

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