Ai Weiwei: Die Erinnerungen weiter in feste Formen gießen

Ewiger Kritiker oder notorischer Provokateur? In seiner neuen Autobiografie „1000 Jahre Freud und Leid“ erzählt Künstler Ai Weiwei seine Geschichte.

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Als chinesischer Regimekritiker wurde Ai Weiwei auch im Westen bekannt. Der Konzeptkünstler lebt heute in Portugal.
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Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – 2011 wurde Ai Weiwei unter vorgeschobenen Gründen am Flughafen von Peking von Polizisten in Zivil festgenommen. Ohne Erklärung abgeführt. Nach zweieinhalb Monaten Isolationshaft kam er – auch mit viel Druck von außen – endlich frei. Von der Zeit gezeichnet. Die Eindrücke der 81 Tage Haft hatte der chinesische Künstler, der heute zu den renommiertesten der Gegenwartskunst gehört, mehrfach verarbeitet. In einem Wachsfigurenkabinett, das Ai Weiwei in gleich mehreren Situationen in der Zelle zeigt, oder in „man in a cube“, ein in der Mitte geteilter Betonblock, dessen zueinander positionierte Seiten einen Hohlraum in Form des sitzenden Künstlers aufweisen.

Es sind Erinnerungen, die Ai Weiwei weiter in feste Formen gießen muss – so scheint es. In seiner Autobiografie jedenfalls widmet der 64-Jährige den 81 Tagen das gleichnamige Kapitel. In „1000 Jahre Freud und Leid“, das jetzt auch in deutscher Übersetzung erhältlich ist, schildert er Details der tagelangen, absurden Verhöre und zeichnet ein gründliches Bild von Zelle und Tagesablauf. Einsam, aber niemals allein ist er – und unter ständiger Beobachtung. Selbst beim Duschen standen die Wachmänner so nah, dass ihre Kleidung und Schuhe nass wurden, schreibt Ai Weiwei. Und: „Hier war praktisch alles verboten, außer zu atmen, und das Leben unterschied sich kaum vom Tod.“

Als „Künstler“ wollten ihn die chinesischen Beamten nicht bezeichnen. Höchstens als „Kunstarbeiter“. Und wenn es nach den Vernehmern ging, war Ai Weiwei einer, der regelmäßig „unverhohlene Angriffe auf den Staat“ startete. Als Regimekritiker wurde er auch im Westen bekannt. Öffentlichkeitswirksam verwebt er bis heute Politik und Kunst. 2007 auf der documenta, zu der er 1001 Chinesen nach Kassel einlud („Fairytale“ ist ein ausführliches Kapitel gewidmet), oder 2009 im Münchner Haus der Kunst, dessen Fassade er mit 9000 Schulrucksäcken verzierte, die an das Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan erinnern sollten. 70.000 Menschen waren ein Jahr zuvor gestorben, etliche Schulkinder, auch weil die chinesische Regierung in der Region besonders billig bauen ließ. Deutschland ist die erste Station, die Ai Weiwei nach seiner Ausreisebewilligung 2015 aufsuchte. Er unterrichtete u. a. in Berlin. Heute ist Portugal sein Exil.

Einen großen Teil seiner neuen Erinnerungssammlung „1000 Jahre Freud und Leid“ nimmt überraschenderweise Ai Weiweis Vater ein. Vor allem weil im Mittelpunkt seiner Erzählung die Frage steht, wie Ai Weiwei zu dem wurde, was er heute ist. Ein ewige Unbeugsamer war auch Vater Ai Qing, der in den 1950ern vom „Dichter der Revolution“ zum „Rechtsabweichler“ stilisiert wurde. Geschickt verwebt Ai Weiwei rund ein Drittel des Buches fest mit der Geschichte Chinas, von Maos Kulturrevolution bis zum Tiananmen-Massaker. Zwanzig Jahre lang lebte Ai Qing in der Verbannung, für ihn waren seine Gedichte der künstlerische Rettungsanker. Einige davon lässt Ai Weiwei im Buch abdrucken.

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In Ai Weiweis Erzählung ist es die nüchterne Sprache, die den intimsten Gedanken von Ai Weiwei die enorme Schwere verleiht. Ähnlich klar formuliert er in seiner Kunst. Welcher Inhalt, welche Aussage hinter seinen Installationen mit Tausenden gebrauchten Rettungswesten steht – 2016 schwammen 1005 als stilisierte Seerosen im barocken Bassin des Wiener Belvedere –, dürfte klar sein. Zuletzt häuften sich aber auch kritische Stimmen, die in Ai Weiwei einen notorischen Provokateur sehen. In Linz trifft man ihn derzeit als Kurator an. 2022 wird die Albertina Modern dem Künstler Ai Weiwei eine große Überblicksschau widmen.

Biografie

Ai Weiwei: 1000 Jahre Freud und Leid. Penguin Verlag. 416 Seiten, 39,10 Euro.


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