Karrierefrau fordert mehr Durchlässigkeit bei Bildung

Mit 19 Jahren der Meisterbrief, mit 25 Dozentin. Florina Haderer plädiert für ein Umdenken: erst der Beruf, dann die akademische Vertiefung.

  • Artikel
  • Diskussion (1)
Florina Haderer geht in ihrer kreativen Arbeit voll auf. Den Fachschulabschluss im Lechtal nutzte sie als Karriere-Sprungbrett.
© Haderer

Von Simone Tschol

Elbigenalp, St. Gallen – Bereits 2015 sorgte die gebürtige Schweizerin Florina Haderer, Absolventin der Fachschule für Kunsthandwerk und Design in Elbigenalp, für Schlagzeilen. Sie erhielt damals mit erst 19 Jahren den Meisterbrief im Vergolder-Handwerk in München.

Dies sollte jedoch nur der Anfang einer außergewöhnlichen Karriere sein. Sie absolvierte an der Meisterschule in München den Diplomaufbaulehrgang Restauratorin im Handwerk und parallel dazu eine zweite Meisterprüfung als Kirchenmalermeisterin. Diese schloss sie 2016 mit Auszeichnung ab. Sie bekam einen Studienplatz an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und schloss in Kunstgeschichte und Pädagogik ab. Heute hat sie einen Dozentenvertrag an der Meisterschule in München und unterrichtet Schüler, die zehn Jahre älter sind als sie.

Ihr Werdegang ist untypisch. Dennoch, oder gerade deswegen, will sie jungen Erwachsenen Mut machen. „Sie sollen ihre berufliche Neigung ausleben und nicht immer nur dem vorhandenen gesellschaftlichen Automatismus – zuerst kommt die Matura und dann überlegst du dir, was du werden willst – folgen. Meine Meinung ist: Zuerst kommt der Beruf und dann die kontinuierliche Erhöhung der Bildungsstufe“, sagt Haderer. Dies sei vielfach jedoch mit Komplikationen verbunden. Haderer sieht das Problem vor allem in der mangelnden Durchlässigkeit der Bildungsstrukturen.

Haderer: „Österreich wird im Ausland um das System der Fachschulen beneidet. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin ein Kind dieser Region. Ich habe sehr intensive Kontakte, nicht nur nach Deutschland, sondern auch in die Schweiz, wo ich seit 2016 ein eigenes Handwerksatelier betreibe und die Ausbildungsstrukturen sehr gut kenne. Schulen wie die Kunsthandwerkschule in Elbigenalp sind im deutschsprachigem Raum einzigartig. Nach dem erfolgreichen Abschluss wird es aber schwierig.“ Eine Meisterprüfung mit einer substanziellen Anerkennungsform für den weiteren Ausbildungsweg werde zwar seit Jahrzehnten ankündigt, passiert sei jedoch nichts.

3 x Futterkutter-Kochbuch zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Haderer: „Also muss man doch eine Extra-Schlaufe mit einer Wifi-Matura, die aber wiederum weitgehend nur in Österreich anerkannt wird, absolvieren oder in einer HTL mehr oder minder neu anfangen.“ Die Meisterprüfung in Bayern beinhalte beispielsweise auch die Studienberechtigung für die universitäre Ausbildung in berufsnahen Fakultäten. Somit besteht dort die Möglichkeit, nach der Meisterprüfung ein Studium zu beginnen. Haderer: „Dies ist kein Plädoyer, dass andere Länder besser sind. Aber es sollte ein Anstoß in unserer Region sein, angekündigte Reformen endlich mal durchzuziehen. Stattdessen wundern sich alle über den sukzessiven Facharbeitermangel.“

Sie sei während ihrer Zeit an der Uni in München die Einzige gewesen, die eine vollständige Berufsausbildung hatte. „Von vielen wurde ich beneidet. Sie sagten oft: ‚Wow, du hast ja schon einen fertigen Beruf und du weißt, was du willst – wir studieren mal und schauen, wie weit wir kommen.‘ Aber im Grunde genommen fehlt ihnen der Bezug zur theoretischen Ausbildung. Gerade deshalb lautet mein Plädoyer: zuerst die Ausbildung und dann die akademische Vertiefung. Vielleicht gibt es auch dann weniger Studienabbrecher“, meint die 25-Jährige.

Dem Lechtal bleibt Haderer trotz beruflicher Verpflichtungen in München und St. Gallen treu. „Meine Eltern und ich bauen die ehemalige Schnitzereigenossenschaft in Elbigenalp und zukünftiges Kunst- und Erlebnishaus um. Die kreative und malerische Gestaltung liegt bei mir. Leider zieht sich die Fertigstellung durch die aktuelle Corona-Situation in die Länge“, erzählt Haderer.


Kommentieren


Schlagworte