Buch Wien startet: Literarische Grüße aus Moskau

Morgen Mittwoch startet die Buch Wien. Neu ist ein Schwerpunkt auf Gegenwartsdebatten und ein Gastland. Letzteres ist Russland – und eine Gratwanderung für die Messe-Macher.

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Philosophin Isolde Charim hält die Eröffnungsrede der Buch Wien.
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Wien – Die österreichische Literaturmesse „Buch Wien“ fiel im Vorjahr Corona-bedingt aus. Heuer findet der Branchentreff wieder statt. Morgen wird sie in der Halle D der Messe Wien eröffnet. Die Philosophin Isolde Charim wird die Festrede zum Thema „Wendepunkt?“ halten. Danach läutet Attwenger die dreizehnte „Buch Wien“-Auflage auch musikalisch ein. Programmatisch ist schon der erste Abend auf eng getaktet: Eva Menasse präsentiert ihren Roman „Dunkelblum“, Auflagenkönig Sebastian Fitzek kommt, danach Michael Köhlmeier, dann Doris Knecht. An den weiteren Buch-Wien-Tagen ist das Veranstaltungsangebot auf den acht Messebühnen ähnlich dicht. Die Stars der heimischen Szene haben sich angekündigt, Florian Illies oder Edmund de Waal – dessen „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ ab 11. November bei der Aktion „Eine Stadt. Ein Buch“ verteilt wird – sorgen für internationales Flair.

Ein besonderer Fokus liegt 2021 auf gesellschaftlichen Debatten. Er verstehe die Buch Wien „als Wissensfestival“, sagt Günter Kaindlstorfer. Der Journalist und Autor ist Programmleiter der Messe. Diese soll zum Ort werden, „an dem die Fragen der Zeit auf kontroversielle und konstruktive Weise diskutiert werden“. Mit „Buch Wien Debatte“ gibt es dafür heuer erstmals eine eigene Reihe. Die Politologin Natascha Strobl wird dabei ihre Studie „Radikalisierter Konservatismus“ zur Diskussion stellen. Andere Themen sind „Orbáns Puszta-Populismus“, Klima-Politik oder gleich zum Auftakt „Political Correctness“.

Ein Debatte über Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin findet sich im Programmheft allerdings nicht. Obwohl es heuer mit Russland zum ersten Mal überhaupt einen Gastland-Auftritt bei der Buch Wien gibt. „Nicht meine Baustelle“, sagt Programm-Chef Kaindlstorfer. Und Buch-Wien-Geschäftsführer Patrick Zöhrer ergänzt: „Russland war gar nicht so sehr unser eigener Wunsch.“

Der Gastlandauftritt ist der Nebeneffekt einer diplomatischen Mission. 2019 reiste Bundespräsident Alexander Van der Bellen begleitet von einer Delegation heimischer Kulturschaffender zum Sotschi-Dialog. Dort wurde die Idee geboren. Russlands Literatur soll sich in Wien und die aus Österreich bei der Messe in Moskau präsentieren. 30 Veranstaltungen wird es im Rahmen des Russlandschwerpunkts geben. Für das Programm zeichnet das Moskauer „Institut der Übersetzung“ verantwortlich – eine formal staatsferne Institution.

„Das Prinzip der Buch Wien ist, dass 100 Prozent des Programms kuratiert sind. Jeder Vorschlag wird von uns geprüft. Wir hätten auf jeden Fall die Möglichkeit gehabt, Einspruch zu erheben“, sagt Patrick Zöhrer – und unterstreicht: „Wir sind nicht blauäugig hineingegangen.“ „Wir wollten natürlich der russischen Regierung keinen Propagandaauftritt ermöglichen, gleichzeitig war uns bewusst, dass wir da nicht völlig in Opposition gehen können. Deswegen war es wichtig, mit Fingerspitzengefühl bei der Programmgestaltung und der Abwägung der einzelnen Interessen vorzugehen“, so der Buchmessen-Geschäftsführer.

Das von Programmdirektorin Nina Litwinez vorgelegte Programm sei „wohldurchdacht“, daher habe es keine Notwendigkeit gegeben zu intervenieren. Im Zentrum der Präsentation jedenfalls stehen literarische Werke – und dabei vornehmlich solche, die dem Kreml ziemlich egal sein dürften. „Wir positionieren uns für die Literatur als Kunst“, sagt Jewgeni Resnitschenko, amtsführender Direktor des „Instituts der Übersetzung“. Finanziert wird Russlands Buch-Wien-Besuch vom in Moskau neuerdings für literarisches Leben zuständigen Ministerium für digitale Entwicklung. (jole, APA)


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