Klimaschutzexperte Steurer: „Viele Zielsetzungen, die noch nichts bringen“

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Steurer erwartet in Glasgow keinen großen Wurf.
© „Tirol Live“

Innsbruck – Der Wiener Klimaschutzexperte Reinhard Steurer kann eine gewisse Frustration darüber nicht verhehlen, dass die Wissenschaft im Klimabereich so wenig gehört wird. „Es ist frustrierend, denn die Wissenschaft warnt seit 35 Jahren. Schon jetzt treten die Folgen der Klimakrise ein und sie sind erst der Anfang“, sagt er bei „Tirol Live“. Dementsprechend gedämpft sind auch seine Erwartungen, was die am Sonntag zu Ende gehende Klimakonferenz in Glasgow betrifft.

So wie es aussehe, erklärt Steurer, würden sich die Muster von den Klimakonferenzen wiederholen. „Es wird in Glasgow eine Menge geredet und es werden viele nette Zielsetzungen beschlossen, die uns heute noch relativ wenig bringen. Und das ist das Problem.“ Offen kritisiert er die Ankündigungspolitik, die zwar für die Zukunft ganz gut aussehe, Emissionsreduktionen wären allerdings schon heute dringend notwendig. Das Ziel einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad ist für ihn gut und recht. „Aber mit unserem gegenwärtigen Kurs steuern wir auf eine von zwei Grad zu“, zeichnet der Klimaschutzexperte ein „katastrophales“ Szenario.

📽️ Video | Reinhard Steurer in „Tirol Live“

Steurer vergleicht die Erderwärmung mit einer Fieberkurve. „Bei 37,5 Grad spricht man von erhöhter Temperatur, aber 40 oder 41 Grad können dann schon lebensbedrohend sein.“ Sollten die Staaten nicht in die Gänge kommen, würde eine Klimaerhitzung um zwei Grad viele Menschenleben kosten. Was heißt in die Gänge kommen? Für Steurer muss die CO2-Verschmutzung einen Preis bekommen, den jeder spürt. Und der eine Lenkungswirkung entfaltet hin zu klimafreundlichen Energien. „Viele Politiker sind mit dem Zug nach Glasgow gefahren. Doch sie haben nicht dazugesagt, dass die Fahrt bis zu 300 Euro kostet, ein Billigflug nur 30 bis 50 Euro.“

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Aus seiner Sicht gibt es aktuell jedoch ein System, das die Menschen fast schon in einem fossilen Energiekonsum einsperrt. „Als Privater leistet man sich nicht eine Zugfahrt, die um das 10-Fache teurer ist. Es müsste umgekehrt sein. Dann würde klimafreundliches Verhalten möglich sein.“ Davon sei die Politik aber noch weit entfernt, fügt Steurer hinzu.

Die CO2-Bepreisung in der ökosozialen Steuerreform bezeichnet der Wissenschafter als ersten Schritt. „In den vergangenen zwei Jahren war die Klimapolitik viel besser als in den 20 Jahren davor. Die Experten sind sich jedoch einig, dass die CO2-Besteuerung viel zu niedrig ist.“ Sie werde niemanden wegbringen vom fossilen Energiekonsum, deshalb benötige es einen wirksamen CO2-Preis. Im Gegensatz zur Corona-Pandemie, die die Welt in wenigen Tagen in eine Notstandssituation manövriert habe und die Menschenleben koste, sei die Klimakrise eine langsame Katastrophe, findet Steurer. „Das macht sie verharmlosungsfreundlich, viele kommen mit Ausreden leichter durch. Leider.“ (pn)


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