Tirol-Premiere für „Große Freiheit“: „Immer noch pervers?“

Der Tiroler Sebastian Meise stellt sein in Cannes prämiertes Drama „Große Freiheit“ am Freitag in Innsbruck vor.

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Kleine Rebellionen gegen die Erniedrigung im Strafvollzug: Franz Rogowski als Hans und Georg Friedrich als Viktor in „Große Freiheit“.
© Filmladen

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Die KZ-Häftlingsnummer lässt sich „überpecken“. Ansonsten hat die Kontinuität System. In einer Gefängnisschneiderei lösen Zuchthäusler die Insignien der früheren Machthaber von ansonsten fraglos brauchbaren Uniformjacken. Hans (Franz Rogowski) sitzt hier ein, weil er Männer begehrt. Das „Verbrechen“ hat eine Nummer, 175 – nach dem entsprechenden Paragraphen des bundesdeutschen Strafgesetzbuches, der „widernatürliche Unzucht“ kriminalisiert. Gelockert wird das Liebesverbot erst 1969, abgeschafft gar erst 1994. In Österreich – aber das nur am Rande – dauerte seriös Vergleichbares bis 2002.

Hans wird 1945 aus dem befreiten Lager in den Regelstrafvollzug überstellt. Dort soll er seine mehrmonatige Reststrafe verbüßen. Er lernt Viktor (Georg Friedrich) kennen, einen „Lebenslänglichen“. Der will den „175er“ zunächst aus der Zelle, die sie sich teilen müssen, prügeln. Erst als er Hans’ KZ-Nummer sieht, hält er inne. Die beinahe stoische Würde, mit der Hans auch danach die täglichen Demütigungen erduldet, ringt ihm Respekt ab – es entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft. Eine Liebe vielleicht, eine Schicksalsgemeinschaft allemal. Hans und Viktor werden einander im Laufe von Sebastian Meises Film „Große Freiheit“ immer wieder treffen – und sich auf verschiedene Weisen näherkommen. „Große Freiheit“ ist nicht zuletzt ein beeindruckender Film über die Notwendigkeit von Nähe, über die Kraft von Umarmungen, die nicht nur festhalten, sondern tatsächlich Halt geben.

🎬 Trailer | „Große Freiheit“

Mit seinem Co-Autor, dem Osttiroler Thomas Reider, erzählt Meise, geboren 1976 in Kitzbühel, die Geschichte auf drei ineinandergeschobenen Zeitebenen – 1945, 1957 und 1968/69. Viktor wird mit den Jahren zum Zuchthaus-Faktotum. Seine Verzweiflung versteckt er, seine Sehnsüchte betäubt er. „Immer noch hier?“, fragt ihn Hans beim Wiedersehen. „Immer noch pervers?“, gibt Viktor zurück. Beide lächeln. Vielleicht lässt sich strukturell verfestigte Aussichtslosigkeit nur so ein bisschen leichter machen: mit galligem Gewitzel. Auch davon erzählt „Große Freiheit“: von den kleinen Freiheiten, die man sich herausnimmt, während man sich das Träumen von der großen verbietet.

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Bis auf wenige Ausnahmen spielt der Film nur im Gefängnis, in den Zellen, deren bröckelnder Putz irgendwann mit schlammigem Grün übertüncht wird, in den Werkstätten, wo nur das Nähzeug mit der Zeit geht, im Hof und Gesellschaftsraum. Dort wird Weihnacht gefeiert und Mondlandung geschaut. Die hat sich Viktor „spektakulärer“ vorgestellt. Aber was für Vorstellungen soll er, der vom Draußen nur den Krieg und eine Bluttat unmittelbar danach erinnert, auch haben? Der Aussicht auf vorzeitige Entlassung jedenfalls entzieht er sich. Jetzt ist es Hans, der Viktor hält: Die Szenen zwischen Franz Rogowski und Georg Friedrich zählen zum Stärksten, was das jüngere deutschsprachige Kino zu bieten hat: zerbrechlich kleine Gesten, vielsagende Blicke und das Aufflackern bockigen Trotzes darin, gegen die Erniedrigungsrituale des Strafvollzugs und gegen eine Welt, die harmlose Liebe zum Verbrechen erklärt hat.

So beleuchtet „Große Freiheit“ nicht nur ein lange ignoriertes Kapitel der Zeitgeschichte. Sondern erzählt in dokumentarisch kühlen Bildern eine berührende wie beklemmende Liebesgeschichte. Beim Filmfestival in Cannes wurde Sebastian Meises nach „Stillleben“ (2011) zweiter Spielfilm mit dem Jurypreis der Sektion „Un Certain Regard“ ausgezeichnet. Auch bei der Viennale wurde das Drama prämiert und Franz Rogowski ist als bester Hauptdarsteller für den Europäischen Filmpreis nominiert. Im Oktober wurde „Große Freiheit“ zudem als österreichischer Kandidat für den Auslands-Oscar 2022 eingereicht. Morgen Freitag präsentieren Sebastian Meise, Thomas Reider und die Produzentin Sabine Moser den Film im Innsbrucker Leokino.

Film

Große Freiheit. Ab 16 Jahren. Ab 19. November in den Kinos.

Tirol-Premiere. Mit Regisseur Sebastian Meise, Drehbuchautor Thomas Reider und Produzentin Sabine Moser. Freitag, 12. November, 19.30 im Leokino.


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