„Billie – Legende des Jazz“: 100 Tage in einem Tag verleben

James Erskines Doku „Billie“ erzählt das Leben von Billie Holiday in O-Tönen aus den 1970ern.

  • Artikel
  • Diskussion
Billie Holidays Musik kommt in dieser Doku fast zu kurz. Auftritte werden in die Erzählung eingewebt.
© Polyfilm

Innsbruck – Warum die großen Stimmen des Jazz oftmals so früh schon verhallten, wollte der Interviewer von Billie Holiday wissen. „Vielleicht weil wir immer versuchen, 100 Tage in einem Tag zu verleben“, antwortete sie. Das war kurz vor ihrem eigenen Tod. 1959 verstarb die Jazzsängerin mit nur 44 Jahren.

Sie führte eben ein „wildes Leben“, resümierte Tony Bennet später – und subsumierte darin wohl auch Begriffe wie „frivol“, „masochistisch“ und „exzessiv“. Dieses Leben interessierte auch Linda Kuehl. Sie war Journalistin, recherchierte bereits rund zehn Jahre für eine Biografie über Billie Holiday. 125 Stunden hatte sie sich mit Liebhabern, Freundinnen und vielen ehemaligen MusikerkollegInnen über Billie Holiday unterhalten. Erschienen war das Buch dennoch nicht. Das umfassende Interviewmaterial aber floss jetzt in den Dokumentarfilm „Billie – Legende des Jazz“, der derzeit in den Kinos läuft. Für den britischen Regisseur James Erskine eine Herausforderung: Er arrangierte Antworten, die er nicht selbst erbeten hatte, zu einer Geschichte.

Diese beginnt 1915 in Philadelphia, wo Billie Holiday geboren ist. Noch als Minderjährige landet sie in den einschlägigen Nachtclubs von Harlem, wo sie zunächst tanzt und erst später singt. Mit Artie Shaw tourt sie dann erstmals durch die USA – auch durch die Südstaaten, wo sie als schwarze Sängerin nicht im Hotel mit ihrer Band übernachten darf. Besonders grotesk: wenn ihre Mitmusiker erzählen, sie wurde teilweise sogar dunkler geschminkt, um – wie es sich ihr Produzent wünschte – als Bluessängerin besonders „authentisch“ zu wirken. Ob ihr Rauswurf bei Count Basie auch irgendwo rassistisch motiviert war, darüber wollen gleich mehrere Stimmen Bescheid wissen. Und vermuten doch alle etwas anderes. Was stimmt, bleibt ein Rätsel – kommentiert oder eingeordnet wird bei Erskine nämlich kaum.

Wirklich Neues über Billie Holiday erzählt der Film ebenso nicht. Dass sie mit Männern generell problematische Beziehungen verband, ist bekannt: Als Mädchen wurde sie vergewaltigt, von ihren Partnern geschlagen und Joe Guy war nicht nur ihr Ehemann, sondern auch ihr Drogendealer. Nicht überraschend, dass die Sängerin irgendwann also auch im Gefängnis landete. Da waren Heroin und Hochprozentiges bereits längst ihre besten Freunde.

3 x Futterkutter-Kochbuch zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

So weit, so spektakulär. Gar so spektakulär, dass Billie Holidays Musik, die in speziell nachkolorierten Konzertauftritten in die Erzählung mit eingewebt wird, fast zu kurz kommt. Irgendwie unvollständig bleibt auch die Geschichte von Kuehl, die 1978 überraschenderweise starb. Da war Holiday in ihrem Leben aber bereits omnipräsent. Für diese Doku aber gilt: Es ist eben immer gerade das fragmentarisch Gebliebene, das besonders neugierig macht. (bunt)


Kommentieren


Schlagworte