Resche Opern-Dirn im Geier-Sturzflug in Wien

Im Theater an der Wien geht Alfredo Catalanis Tiroler Verismo-Rarität „La Wally“ sogar ohne Lawine verschütt.

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Mit Alfredo Catalani wurde „Die Geier-Wally“ zur Oper. „La Wally“ ist derzeit im Theater an der Wien zu sehen.
© Herwig Prammer

Von Stefan Musil

Wien –Schnee ist auch nicht mehr garantiert in den Tiroler Alpen. Dass es dennoch so trist im Ötztal ausschauen muss? Im Theater an der Wien glotzt man nach einem Filmflug durch grau in graue Berge auf eine Geröllhalde mit Wasserstelle. Lustig haben es die Bewohner von Hochstoff nicht. Das ist der fiktive Ort im Ötztal, in dem Alfredo Catalani seine Verismo-Veroperung des Heimatromans „Die Geier-Wally“ spielen lässt.

Über die ausgeaperte Hochgebirgspiste stolpern die Hochstoffner und Jäger Giuseppe Hagenbach aus Sölden zwei Opernstunden lang. Catalanis 1892 in Mailand uraufgeführte Oper besitzt mit Wallys Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ einen Schlager und hat auch sonst, besonders im Finale, durchaus Reiz. Dennoch zählt es im Verismo-Repertoire eher zur B-Ware, kommt nur gelegentlich auf die Bühnen, wie etwa zuletzt 2012 in Innsbruck.

Die Stoßrichtung von Regisseurin Barbora Horáková Joly fürs Theater an der Wien ist klar: Sie will dem saftigen Heimatschmachtfetzen das Alpenglühen austreiben, will die Brutalität von Gesellschaft, Patriarchat, Umständen offenlegen, setzt aber auf bis ins Lächerliche ausgereizte Realistik. Die Hochstoffner stiefeln wie auf einer russischen Bergbauernkolchose übers Geröll. Die Mädchen schälen Erdäpfel, die Männer sitzen auf leeren Bierkisten, häuten Hasen, saufen Bier und Schnaps und raufen. Der alte Patriarch Stromminger, Wallys Vater, macht dazu den Ober-Kapo. Die Tochter steckt in Hosen und ist eine resche, brutale Dirn. Eva-Maria Van Acker entwarf eine Ausstattung zwischen ausgesucht hässlich und surreal, samt schneelosem Steinehaufen und Metallgerüst, auf dem Wally ihrem Ende entgegendämmert. Die letzte Begegnung mit dem Geliebten Hagenbach scheint nur noch Vision. Keine Lawine reißt ihn diesmal mit. Er tritt ins Dunkel ab. Wally muss an der Rampe ihre letzten Töne schmettern. Dann dreht sie sich um und zeigt dem Publikum ihren Hintern. Ein Schlussbild als Bankrotterklärung einer kaum überzeugenden Inszenierung.

Auch musikalisch erreicht man nicht das gewohnte Niveau. Izabela Matula ist eine herbe Wally, mit schwankender Leistung, manch schönen lyrischen Momenten, aber insgesamt zu wenig Kraft und Präsenz. Die zeigt am ehesten der Gellner von Bariton Jacques Imbrallo, während Leonardo Capalbo als sein Konkurrent Hagenbach mit arg forciertem Tenor und nicht erreichten Höhen den Kürzeren zieht. Ilona Revolskaya zwitschert artig den Buben Walter, der verdiente Alastair Miles erinnert als Stromminger an größere Zeiten. Im Graben erweist sich der Wiener-Symphoniker-Chef Andrés Orozco-Estrada nach seiner Staatsopern-„Carmen“ erneut als wenig Opern-geeicht. Dementsprechend mau klingt auch sein Orchester, und selbst der Arnold Schoenberg Chor hatte schon deutlich stärkere Abende. Der verhaltene Applaus passte in diesen trüben Alpenblick.


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