Rücktritt und Offener Brief von Gottwald: „Schäme mich zutiefst für unser Land"

Die aktuelle Lage in Österreich kann und will Rekord-Olympiasieger (Nordische Kombination) Felix Gottwald nicht unkommentiert stehen lassen. Er wandte sich in einem Offenen Brief an Sportminister und Vizekanzler Werner Kogler.

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Für Felix Gottwald ist eine Grenze erreicht.
© GEPA pictures/ Walter Luger

Innsbruck – „Darf man überhaupt noch was sagen in dieser Zeit“, meinte Felix Gottwald (45) am Montag, von der Tiroler Tageszeitung auf seinen „Offenen Brief“ angesprochen. Mit harschen Worten wandte sich der Salzburger Rekord-Olympiasieger (Nordische Kombination) an Vizekanzler und Sportminister Werner Kogler, nachdem er zuvor eine Woche mit der Frage gerungen hatte, ob er seine Zeilen veröffentlichen sollte.

Man habe es verabsäumt, sich um Gesundheit zu kümmern. Und: Es fehle das Verständnis füreinander, die Stimmung in der Gesellschaft sei bedauerlicherweise aufgeheizt. Sein Fazit: „Spaltung ist keine Lösung.“

Gleichzeitig legte Gottwald sein Amt als Vorsitzender der Breitensportkommision der Bundes-Sport GmbH zurück. (floh)

📝 Der Offene Brief im Wortlaut

Ich möchte Sie darüber informieren, dass ich mit sofortiger Wirkung als Vorsitzender der Breitensportkommission der Bundes-Sport GmbH zurücktrete und nicht mehr zur Verfügung stehe.

  • Ich bin angetreten, um einen Beitrag für eine echte Bewegungskultur in unserem Land zu leisten.
  • Ich bin angetreten, um die Anzahl der gesunden Lebensjahre in unserem Land gemeinsam zu steigern.
  • Und ich bin angetreten, um ein Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen, durch Bewegung und Sport die Welt, in der wir leben, besser zu meistern.

Nach nun neun offiziellen Monaten in dieser Funktion stelle ich fest: Es mag in unserem Land gerade um viel gehen, aber sicher nicht um die Gesundheit und das Wohl der Österreicher:innen und der in Österreich lebenden Menschen – und das inmitten der größten Gesundheitskrise.

Spaltung, Hetze, Diskriminierung – das sind die Regierungsgebote der Stunde.

Ich schäme mich zutiefst für unser Land und bin als Österreicher zornig, traurig und (ver-)fassungslos zugleich.

Ich habe jegliches Vertrauen in die Politik verloren, und mir fallen beim besten Willen keine Argumente mehr ein, warum ich ihr auch nur eine Silbe glauben sollte. Die Art des Diskurses innerhalb der Politik, die Wortwahl, die Inkongruenz, die Geringschätzung, die mich als mündigen Bürger und Steuerzahler erreicht, irritieren mich zutiefst und würden wohl jedes Unternehmen in der Privatwirtschaft umgehend in den Ruin treiben.

Als nachweislich Gesunder, der mit vernünftigen und sinnvollen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sehr verantwortungsvoll umgeht, werde ich jetzt wie Millionen andere vom sozialen und damit auch vom sportlich bewegten Leben ausgegrenzt. Ich habe als Sportler immer Verantwortung übernommen und übernehmen müssen. Daran hat sich nichts geändert und wird sich – unabhängig von Druck, jeglichen Regeln und Verordnungen – nichts ändern. Ich habe Gesundheitswissenschaften studiert, weil ich mich zeit meines Lebens damit beschäftigt habe, wie Gesundheit – und nicht wie Krankheit – entsteht. Sport und Bewegung sind und bleiben dafür ein wesentlicher Teil der Lösung.

Gerade Sie als Sportminister hätten es in der Hand, Hebel in Bewegung zu setzen, die Bewegung und (Breiten-)Sport in der wohl größten Gesundheitskrise unserer Zeit fördern und nicht verhindern.

  • Wie weit sind Sie bereit zu gehen?
  • Und: Wie weit seid ihr als Regierung bereit zu gehen?

Als erfolgreichster Olympiasportler Österreichs habe ich ganz oft verloren und nur ganz selten gewonnen. Als Sportler habe ich gelernt, mit Niederlagen und mit dem Scheitern umzugehen, daraus zu lernen, mich weiterzuentwickeln und mir selbst und anderen mit Respekt und Würde zu begegnen. Diese Tugenden vermisse ich derzeit seitens der Politik zur Gänze.

Ich war überzeugt, dass unser Land aus der Geschichte gelernt hat.

Ich bin erschüttert, festzustellen, dass wir als Gesellschaft anmaßender, skrupelloser und diskriminierender geworden sind, als ich das je zuvor erlebt habe.

Ich möchte wieder in einem Land leben, auf das wir stolz sein können, in einem Land, in dem wir als Gesellschaft eine Kultur des Füreinanderdaseins pflegen. Entscheidungen und Handlungen, die von Verstand, Verständnis und Vertrauen geprägt sind, wünsche ich mir von Herzen. Die Hoffnung, dass es dafür – unabhängig von den äußeren Umständen – nie zu spät ist und dass heute immer der beste Zeitpunkt bleibt, damit wieder zu beginnen, lässt mich abschließend Danke sagen. Danke allen Mitgliedern und dem Team der Bundes-Sport GmbH für die Art, wie ich aufgenommen wurde, und für deren Bemühen, beim Vorhaben, eine echte Bewegungskultur in unserem Land zu etablieren, mitzuwirken. Ich bin gescheitert – und das ist okay so. Weiterzumachen, als ob ich die unsportlichen und ungesunden Entwicklungen rund um diese Pandemie nicht mitbekommen würde, ist für mich keine Option. Ich möchte auch allen Einzelnen Danke sagen, die auf ihre Art und mit ihren Möglichkeiten einen Beitrag leisten, dass wir zusammenhalten und Verständnis füreinander haben und es nicht zulassen, uns als Gesellschaft von dieser Art der Politik weiter auseinanderdividieren zu lassen, und dass wir deshalb diese Krise gemeinsam und mit unterschiedlichen persönlichen Entscheidungen und Überzeugungen meistern werden.

Bewegung und Sport und viel frische Luft werden uns dabei helfen und ganz nebenbei noch einer Pandemie unserer Zeit – nämlich Übergewicht und Bewegungsarmut – entgegenwirken.

Ich persönlich werde mich weiterhin mit meinen Möglichkeiten für eine echte Bewegungskultur in unserem Land einsetzen, wissend, dass eine solche beharrlich aufgebaut werden und vom politischen Aktionismus wohl unabhängig sein muss.

Mit besorgten und bewegten Grüßen,

Felix Gottwald

Sportminister Werner Kogler verwies auf den Schutz der Bevölkerung als Auftrag der Politik und betonte, dass "ein Großteil der österreichischen Bevölkerung weiterhin Sport im Sportverein betreiben" könne. "Dies betrifft etwa Kinder und Jugendliche bis zum Ende der Schulpflicht sowie all jene, die sich für eine Schutzimpfung entschieden haben oder genesen sind." Ungeimpfte dürften und könnten natürlich auch Sport betreiben, so der Grünen-Politiker in einem schriftlichen Statement. "Bis auf Weiteres aber eben innerhalb der eigenen vier Wände oder im öffentlichen Raum, mit Abstand zu anderen, sodass die Ansteckungsgefahr für sie selbst und andere minimiert wird."

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Kogler bedauerte den Rücktritt von Gottwald, der aber zur Kenntnis zu nehmen sei. "Als Mitglied der Kommission für den Breitensport hat er versucht, zur Entwicklung einer echten Bewegungskultur in Österreich beizutragen. Sein Engagement in diesem Bereich schätze ich sehr." (floh/APA)


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