„The Bridge“: Niemand zitiert Sting so gut wie er selbst

Sting ist 70 und hat offenbar immer noch Bock auf weitere Songs. Heute erscheint sein 14. Studioalbum „The Bridge“.

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:Sting kam 1951 als Gordon Sumner im nordenglischen Newcastle auf die Welt. Heute ist er ein Veteran unter den Popstars.
© Mayumi Nashida

Von Markus Schramek

Innsbruck – Jetzt bitte nicht erschrecken! Popstar Sting, geboren 1951 als Gordon Sumner, ist ein Geordie. Das klingt mysteriös, es kennzeichnet den Musiker aber weder als Mitglied eines obskuren Geheimbunds, noch ist es in anderer Weise anrüchig: Ein Geordie (sprich „Dschordi“) ist in Großbritannien jemand, der aus der nordenglischen Großstadt Newcastle upon Tyne (und deren Umgebung) stammt. Der lokale Dialekt ist sehr speziell, als Nicht-Brite versteht man schnell nur noch Bahnhof. Macht weiter nichts. Denn der sprachliche Klang eines Geordie ist freundlich, ein sehr musikalisches, fast gesungenes Auf und Ab.

Den nativen Geordie Sting geleitet seine Musikalität nun schon durch eine 50 Jahre umspannende Weltkarriere. Als Sänger und Bassist des Trios The Police setzt er in den 70er-Jahren Genre-Standards, eine Art Punk light in minimalistischer Form (nachzuhören u. a. im Rotlicht-Heuler „Roxanne“).

Knapp bevor er seine beiden Polizistenkollegen Stewart Copeland (Drums) und Andy Summers (Gitarre) verlässt, bringt Sting noch rasch einige der besten Bass-Lines aller Zeiten zu (Noten-)Papier: „Every Breath You Take“ erscheint 1983. Seither wird diese Musik gewordene Schilderung eines ungesunden Beziehungsgeflechts gesampelt, gecovert oder sonstwie bemüht nachgeahmt. Das Original bleibt unerreicht, weil ein Jahrhundertstück.

Bald schon macht sich Sting, dessen Ego kein ganz kleines ist, auf zu neuen Ufern. „The Dream of the Blue Turtles“ markiert 1985 sein Solo-Debüt. Eine Scheibe gespickt mit exquisiten Popsongs, sehr jazzig und auch hochgejazzt, holt sich Sting doch die besten damals verfügbaren Musiker ins Studio. „If You Love Somebody Set Them Free“, „Russians“, „Love Is the Seventh Wave“ and so on. Fast jeder Track auf dem Solo-Erstling bleibt in Erinnerung.

Den Geordie in ihm lässt Sting nicht groß heraushängen. Als ausgebildeter Englischlehrer vertieft er sich stattdessen in Dichtkunst von höchster Güte. In geschliffenem Queen’s English zitiert er in seiner Musik aus den Werken William Shakespeares. Das künstlerisch überambitioniert wirkende Album „Nothing Like the Sun“ von 1987 trägt überhaupt gleich den Namen eines berühmten Shakespeare-Sonetts im Titel.

Seither beglückt Sting die immer noch beträchtliche Schar seiner globalen Zuhörerschaft regelmäßig mit neuem musikalischen Output. Er braucht dabei nicht viel mehr zu tun, als sich selbst zu zitieren – so auch auf der heute Freitag erscheinenden Produktion „The Bridge“, dem 14. Studioalbum.

Keine zehn Takte des rockigen Eröffnungsstücks „Rushing Water“ sind gespielt, schon fühlt man sich an den Hadern „Fortress Around Your Heart“ von vor 35 Jahren erinnert, nicht in unangenehmer Weise, um das klarzustellen. Derartige Aha-Erlebnisse gibt es auf dem Neuling noch öfter. Das schmachtend sanfte „For Her Love“ klingt wie eine Selbstreferenz an die Ballade „Fragile“ in grauer Vorzeit. „Waters of Tyne“ katapultieren den Songschreiber noch viel weiter zurück: in die Jahre des Heranwachsens im Norden der Insel.

Kopflastig wie eh und je, ruhig, nachdenklich, reduziert, viel Akustikgitarre, reichlich Raum für Stings immer noch sehr respektable Stimme: So lässt sich „The Bridge“ über weite Strecken an.

Es ist nicht so, dass die Welt auf Neues aus dem Hause Sting gewartet hätte. Seine Klassiker hat der 70-jährige Dauerbrenner längst abgeliefert. Der Rest ist Zugabe.

Interscope/Universal. Erscheint heute Freitag, 19. November.


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