HIV, Syphillis, Heptatitis B: Die vergessenen Pandemien

HIV hat, etwa durch wirksame Therapien, an Schrecken verloren. Dasselbe gilt für andere sexuell übertragbare Krankheiten. Eine Entwicklung mit gefährlichen Folgen, warnt die Aids-Hilfe Tirol.

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Die Zahl der HIV-Neuinfektionen hat in Tirol in den vergangenen Jahren nicht abgenommen, jene der Ansteckungen mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten ist sogar stark angewachsen.
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Von Benedikt Mair

Innsbruck – Überall auf der Welt stecken sich Millionen Menschen damit an, Hunderttausende sterben jedes Jahr daran und doch scheint sich die Furcht vor ihnen in Grenzen zu halten. Viele sexuell übertragbare Krankheiten wirken zumindest hierzulande nicht mehr so bedrohlich wie noch vor wenigen Jahren. Grund dafür: der medizinische Fortschritt und ständig verbesserte Therapien. Bestes Beispiel dafür ist das HI-Virus. Eine Infektion mit ihm kam noch Ende des vergangenen Jahrtausends einem Todesurteil gleich. Heute lässt sich damit lange und gut leben. Diese Entwicklung birgt aber auch Gefahren, warnt die Aids-Hilfe Tirol.

Georg Gierzinger leitet den Verein mit Sitz in Innsbruck und sagt: „Vergesst nicht auf HIV.“ Zwar werde die Menschheit derzeit von einer anderen global grassierenden Krankheit in Atem gehalten, aber auch der Aids verursachende Erreger sei „letztendlich eine Pandemie, die wir auf diese Art und Weise nie in den Griff bekommen werden. Denn die Zahl der Neuinfektionen nimmt, anders als oft gemeint, leider nicht ab.“

Allein in Tirol wurden im Vorjahr 25 Neuansteckungen mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) verzeichnet, bundesweit waren es 332. Im Jahr 2019 waren es hierzulande noch 33 und in ganz Österreich 430 Infektionen. „Ein trügerischer Rückgang“, meint Gierzinger gestern bei einem Pressegespräch anlässlich des heute in einer Woche stattfindenden Welt-Aids-Tags. „Denn durch den Lockdown und andere Corona-Maßnahmen waren viel weniger Testungen möglich.“

Medizin weit fortgeschritten

Obwohl es nach wie vor viele Übertragungen des Virus gibt, „bedeutet das für die Betroffenen heute nicht gleich, dass sie sterben müssen“, erklärt der Leiter der Aids-Hilfe. „HIV ist zwar noch unheil-, aber behandelbar. Seit mehr als 20 Jahren gibt es eine Therapie, welche laufend verbessert wird. Es hat sich von der tödlichen zur chronischen Krankheit gewandelt.“ Demgegenüber stehe die gesellschaftliche Dimension, die sich laut Gierzinger „wenig verändert hat. Wer Krebs hat, bekommt viel Mitgefühl, bei einer Infektion mit dem HI-Virus erfahren die Menschen hingegen Diskriminierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung.“

Die Medizin ist weit fortgeschritten. „Gesellschaftliche und soziale Entwicklungen hinken hier noch hinterher“, sagt Psychologe Fritz Aull, der in der Tiroler Aids-Hilfe als Berater arbeitet. Wichtig sei es deshalb, weiter offen über die Erkrankung zu reden. „Ohne zu dramatisieren, aber auch nicht zu bagatellisieren.“ Für viele HIV-Positive bedeute die Infektion oft Isolation. Wer sich oute, werde verstoßen, wer nichts erwähne, verstecke einen Teil seiner selbst. In der Debatte herrsche Nachholbedarf, es müsse „zeitgemäß und entspannt darüber geredet werden“.

Tabu-Thema STI

Dass das Thema oft totgeschwiegen wird, führt dazu, „dass manche Menschen immer noch zögern, einen Arzt aufzusuchen. Selbst wenn sie Symptome haben“, schildert Aids-Hilfe-Beraterin Nora Kropf. „Dabei ist es wichtig, so früh wie möglich mit einer Therapie zu beginnen. Auch um Übertragungsketten zu unterbrechen.“ Denn: Moderne HIV-Medikamente senken die Virenlast so stark, dass die Infizierten andere nicht mehr anstecken können. „Das subjektive Risiko ist wesentlich höher als das objektive.“

Ähnliches gilt für andere sexuell übertragbare Infektionen – kurz STI. „Viele von ihnen verlaufen ohne Symptome, das ist das Tückische daran“, weiß Kropf. Syphilis und Heptatitis B, Chlamydien oder Gonorrhö sind Krankheiten, denen derzeit kaum Beachtung geschenkt wird. „Dabei sind die Ansteckungszahlen welt-, europa- und tirolweit im Steigen. Besonders bei Jugendlichen und dort vor allem bei jungen Mädchen.“

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, will die Aids-Hilfe Tirol, welche es seit inzwischen 30 Jahren als eigenständigen Verein gibt, verstärkt Workshops in den Schulen anbieten und hat dafür sogar ein neues, österreichweit einmaliges Konzept entwickelt. Die Themen HIV und sexuell übertragbare Krankheiten sollen nicht nur im Biologieunterricht, sondern auch in anderen Fächern – etwa Kunst oder Geschichte – beleuchtet werden. So soll mehr Bewusstsein geschaffen werden.

Zahlen und Fakten

25 HIV-Neudiagnosen gab es im Vorjahr in Tirol, bundesweit waren es insgesamt 332. Das sind bedeutend weniger als im Jahr 2019 (Tirol: 33; Österreich 430). Dieser Rückgang ist allerdings trügerisch, da mit Ausbruch der Pandemie um rund ein Drittel weniger HIV-Tests eingesendet wurden.

Rund 38 Millionen Menschen leben weltweit mit HIV, in Österreich sind es zirka 10.000. Jedes Jahr gibt es in etwa zwei Millionen Neuansteckungen.

Ein sicheres Todesurteil ist eine HIV-Infektion schon lange nicht mehr. Doch trotz verbesserter Therapien sterben jährlich 700.000 Menschen an Aids oder den Folgen einer Ansteckung mit dem HI-Virus. Rund die Hälfte aller jemals mit dem Erreger infizierten Männer und Frauen (77,5 Millionen) sind frühzeitig verstorben.

Stark zugenommen haben in den vergangenen Jahren die Ansteckungen mit sexuell übertragbaren Krankheiten abseits von HIV. Allein bei der Aids-Hilfe Tirol wurden heuer bereits 14 Fälle von Chlamydien (2020: 9; 2019: 7) und sechs Infektionen mit Gonorrhö (2020: 1; 2019: 2) festgestellt.

Seit 30 Jahren gibt es die Aids-Hilfe Tirol als eigenständigen Verein. Ihre Büros hat sie in der Innsbrucker Kaiser-Josef-Straße 13. Die durchgeführten Beratungen (2020: 2721) und Betreuungen (2020: 2781) haben zuletzt stark zugenommen. Weniger geworden ist im Vorjahr hingegen die Zahl der durchgeführten HIV-Tests – hauptsächlich wegen der Pandemie. Die Institution sieht sich als Fachstelle für HIV und sexuelle Gesundheit.


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