Kratzen an den Grenzen des Erträglichen: Marina Abramovic wird 75

Ihr eigener Körper ist das Medium der Kunst von Marina Abramović, die am kommenden Dienstag 75 wird.

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Einmal Performerin – immer Performerin: Marina Abramovic vor zwei Jahren bei einer Ausstellung in Polen.
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Von Edith Schlocker

Innsbruck – Als am 24. Oktober 1975 Marina Abramović auf Einladung des Forums für aktuelle Kunst in der Innsbrucker Galerie Krinzinger im Rahmen einer Performance sich mit einer Rasierklinge ein Kreuz in den nackten Bauch ritzte, bevor sie sich zu geißeln begann, schwappten die Wogen der Erregung des teilweise empörten Publikums hoch. Die Aktion musste abgebrochen, die blutende Künstlerin aus dem Raum getragen werden.

Damals war die am 30. November 1946 geborene Belgraderin 29 Jahre alt und am Beginn einer einzigartigen Karriere. Indem sie ihren eigenen Körper zum Mittel ihrer Kunst machte, die sie genauso wie ihr Publikum oft an die Grenzen des physisch wie psychisch gerade noch Aushaltbaren brachte. Wenn sie etwa 1997 bei der Biennale von Venedig als Teil ihrer monumental angelegten Installation „Balkan Baroque“ täglich mehrere Stunden lang mit einer Stahlbürste blutige Fleischfetzen von Tausenden von Rinderknochen schrubbte und dabei Totenlieder aus ihrer Heimat sang. Um mit dieser pathetisch zelebrierten, nach Tod und Verwesung riechenden Aktion ein schauriges Zeichen gegen alles Kriegerische zu setzen, wofür sie mit dem Goldenen Löwen der Biennale belohnt wurde.

Auf völlig andere Weise spektakulär war Abramovićs Performance „The Artist is Present“ 2010 im New Yorker Museum of Modern Art. Wo sie drei Monate lang Tag für Tag auf einem Stuhl saß, bereit, wem immer, wer wollte, direkt in die Augen zu blicken. Zu 1565 Begegnungen dieser sehr speziellen Art ist es dabei gekommen, neben Sharon Stone, Tilda Swinton und Lady Gaga u. a. auch mit Ulay, ihrem langjährigen ehemaligen Gefährten in Kunst wie Leben. Den sie 1976 kennen gelernt hatte, um sich zwölf Jahre später mit einer Performance auf der Chinesischen Mauer wieder zu trennen. Als Ulay Abramović im MoMA in die Augen blickte, reichte sie ihm die Hände und Tränen rannen über ihre Wangen. Trotzdem brachte Ulay fünf Jahre später seine ehemalige Partnerin wegen der Verletzung von Urheberrechten vor Gericht und gewann.

1946 als Tochter kommunistischer serbischer Partisanen geboren, studierte Marina Abramović an der Belgrader Akademie der Bildenden Künste Malerei, um aber schon sehr bald – nicht zuletzt inspiriert durch Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater – in der Performance das ihr entsprechende Medium zu finden. Die nach Jahren in Amsterdam nun seit vielen Jahren in New York lebende Künstlerin ist bzw. war auch eine begnadete Lehrerin, u. a. an der Pariser Académie des Beaux-Arts und an der Universität der Künste in Berlin. In New York gründete sie die Independent Performance Group, das wahrscheinlich wichtigste Forum für die Kunstform des Performativen. Geht es Abramović doch darum, eine fundierte Diskussion darüber anzuzetteln, wie sehr die ephemere Kunstform der Performance allein an den Körper des Performenden gekoppelt bzw. reproduzierbar ist.

Marina Abramović liebt aber auch Abstecher in andere Genres. So entwarf sie etwa 2013 das Bühnenbild für eine Neuproduktion von Ravels „Bolero“ an der Pariser Opéra Garnier. Und erst im vergangenen Jahr wurde an der Bayerischen Staatsoper in München ihr Opernprojekt „7 Deaths of Maria Callas“ uraufgeführt, das auf sehr geteilte Resonanz stieß, für so manchen Kritiker etwa scharf am Kitsch vorbeischrammt. Abramović liegt bei diesem Projekt im Bett, ohne sich zu rühren. Sieben Sängerinnen interpretieren währenddessen berühmte Sterbeszenen, die die Callas einst gesungen hat.

Sie denke jeden Tag an den Tod, um „den letzten Akt“ ihres Lebens allerdings sehr zu genießen, hat die nun 75-Jährige kürzlich in einem Interview gesagt. Die, ganz Performerin, natürlich exakte Vorstellungen von ihrer eigenen Beerdigung hat. Es soll ein fröhliches Fest werden, an dem die schlimmsten Witze erzählt werden. „Und bloß keine schwarzen Kleider!“


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