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Wüstling als steinerner Gast: „Don Giovanni” in der Wiener Staatsoper

Die Wiener Staatsoper versucht sich an Mozarts Oper aller Opern: „Don Giovanni“ als eher triste und musikalisch durchwachsene Verhaltensstörung.

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„Don Giovanni“ in neues Wiener Grau gehüllt: Donna Elvira (Kate Lindsey) zwischen Leporello (Philippe Sly) und Don Giovanni (Kyle Ketelsen), den sie umarmt.
© Wiener Staatsoper/Pöhn

Von Stefan Musil

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Wien – Dass „Don Giovanni“ eine der härtesten Nüsse der Opernbühne ist, zeigt die jüngere Aufführungsgeschichte der Staatsoper. 1972 kam eine üppige Inszenierung Franco Zeffirellis heraus, die 2003 durch eine Kostüm-Parade von Roberto de Simone ersetzt wurde. Die machte nicht glücklich. Genauso wenig wie die letzte Sicht von Jean-Louis Martinoty. Die aktuelle Neuproduktion, der mit Spannung erwartete, nur für Kameras und Mikrofone gespielte Auftakt des Mozart-Da-Ponte-Zyklus durch Musikdirektor Philippe Jordan und Barrie Kosky als Regisseur, schließt hier durchaus an, wenn auch mit solider Routine ausgestattet.

Kosky erklärt Giovanni quasi zu einem Sohn des Dionysos, jener Gott mit dem Beinamen Bacchus, der für Wein, Freude, Fruchtbarkeit, Ekstase und Wahnsinn steht. Dazu spielt er noch das Vater-Thema aus, zum einem im Komtur als Übervater, zum anderen im Abhängigkeits-Verhältnis von Giovanni und Leporello, der als neurotisch nervöser Nerd im Kapuzen- sweater herumzappeln muss. Er könnte genauso ein Süchtler sein, der seinem Dealer Giovanni nachrennt. Kosky wirft dazu noch eine Prise der Beckett-Figuren Wladimir und Estragon in den Topf und streut Sigmund Freud drüber, wenn er meint: „Wir machen Don Giovanni in Wien, das geht ja gar nicht anders.“

Sehr viele Ideen, die aus Barry Kosky sprudeln. Sinnvoll kanalisieren und verdeutlichen kann er das alles in seiner Inszenierung nicht. Sie funktioniert dort am besten, wo er sich fokussiert, ihn das Stück tatsächlich zu interessieren scheint. Das betrifft besonders die Szenen zwischen Leporello und Don Giovanni, während andernorts die Figuren an der Rampe stehen und mit platten Gesten in die Luft stechen.

Diese ist dunkel und grau. Denn der Regisseur und seine Ausstatterin Katrin Lea Tag stellen ihren Wüstling in eine Wüste aus bleiernem Lavagestein, so unattraktiv, dass man gerne die Elsa aus dem misslungenen „Lohengrin“ sein möchte, mit dem Kosky 2003 in Wien debütiert hat. Die war nämlich blind.

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Nur einmal wird es bunt: Vor dem ersten Finale, wenn es zum Fest geht, verwandeln Riesenpflanzen die Szene in eine Biene-Maja-Landschaft und der gut studierte Chor und Statisten hopsen herein mit Blumenkränzen im Haar – wie die Neigungsgruppe Homöopathie von der letzten Anti-Impf-Demo.

Durchwachsen auch die Besetzung. An der Spitze erinnert der präsente Don Giovanni Kyle Ketelsens kernig und geschmeidig einen Hauch an Sherill Milnes. Zum Höhepunkt wird das „Là ci darem la mano“ mit Zerlina, die Patricia Nolz mit toller Stimme und großer Ausstrahlung zur führenden Frauenfigur macht. Ihr Masetto, der ausgezeichnete Peter Kellner, steht ihr sympathisch zur Seite. Philippe Sly turnt als Leporello grandios, könnte jedoch mit seinem hübschen Bariton freizügiger sein. Der geschätzten Kate Lindsey ist die Elvira eine Nummer zu groß und zu hoch, Stanislas de Barbeyrac zerquetscht sein „Dalla sua pace arei“ mit heldischem Tenor mehr, als er singt. Hanna-Elisabeth Müller ist eine mögliche Anna, aber mit kühl-hartem Sopran nicht die angenehmste, Ain Anger orgelt brav den Komtur.

Philippe Jordan hat fein einstudiert, auch die selbst vom Hammerklavier aus geleiteten Rezitative mit den Sängern ist toll gearbeitet. Sein Mozart hat Farben, versucht mit dem willigen Orchester einen heutigen Mozartklang zu gestalten. Die Richtung stimmt, sie darf allerdings etwas feurig plastischer Fahrt aufnehmen.


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