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Heute und Gestern als luzides Raumkontinuum

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Eine Seite aus Andreas Hapkemeyers Buch „Haus Nummer 6“, das eine reizvolle Symbiose aus Text und Bild ist.
© Hapkemeyer/Ritter Verlag

Innsbruck – Das „Haus Nummer 6“, in dessen jüngere Vergangenheit Andreas Hapkemeyer in seinem gleichnamigen Buch tief eintaucht, ist viel mehr als ein „normales“. Ist es doch ein fastskulpturales Objekt, das zwar zwischen zwei Buchdeckeln auf 68 transparenten, ringgefassten Blättern ausgebreitet wird, auf denen es viel zu sehen, aber nur wenig zu lesen gibt. Auf Seite zwei etwa den Satz „unser haus war 100 jahre lang eine wiener frauenenklave“. Wer hier der Sagende ist, die Großmutter, die Mutter, der Vater, die Tante, die Onkel, der Freund oder der Enkel bzw. Urenkel, bleibt genauso offen wie die Frage, in welcher Beziehung Andreas Hapkemeyer selbst zu diesem Haus Nr. 6 steht. Ob er vielleicht der im Inhaltsverzeichnis auf Seite drei gelistete Enkel oder Urenkel ist oder doch „nur“ der Redakteur, der in Briefen Gefundenes oder von ZeitzeugInnen Gesagtes zu einem ebenso poetischen wie subversiv politisch aufgeladenen Stück Vergangenheitsbewältigung macht. Verknappt auf Sätze, die oft gerade in ihrer Banalität bzw. Naivität von tiefer kollektiver Verunsicherung erzählen, von Rissen, die durch Familien gehen, von Zweifeln an Religion und Vaterländern, besonders in braunen Zeiten.

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Dass das Haus Nr. 6 in Bozen steht, ist dagegen eindeutig. Die Stadt, in der der gelernte Kunsthistoriker und Germanist – der zwischen 2000 und 2006 das Bozner Museion geleitet hat – selbst aufgewachsen ist und lebt. Wobei Hapkemeyers wissenschaftliches Interesse primär den Beziehungen zwischen Bild und Text gilt, um eine solche nun selbst einzugehen. Mit einem Ergebnis, das in jeder Weise überzeugt. Optisch genauso wie inhaltlich, gerade weil die Schrift- und die Bildebene hier absolut symbiotisch daherkommt, obwohl sie inhaltlich eigentlich nichts unmittelbar miteinander zu tun haben.

Fotografien des Hauses sind die Basis des locker skizzenhaft Gezeichneten. Ihre menschenleere Idyllik wird brisant aufgemischt durch Stimmen aus dem Off, die verschriftlicht am unteren Seitenrand auftauchen. Um dadurch, dass Hapkemeyer die Bilder wie Texte auf Transparentpapiere geschrieben hat, zu einem wunderbar luziden Raumkörper zu verwachsen. (schlo)

Andreas Hapkemeyer. „Haus Nummer 6“. 138 Seiten, Ritter Verlag 2021, 25 Euro.


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