„Metropolis“ von Philip Kerr: Mit Bernie Gunther am Alex

In seinem letzten Roman erzählt Philip Kerr, wie sein Held in Berlin zur Kripo kam.

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Szene im Berliner Stadtteil Wannsee in den 1920er-Jahren. Auszeit vom tristen Alltag im überfüllten Strandbad. 8
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Von Christian J. Winder

Berlin – Der Erste Weltkrieg ist zwar schon seit zehn Jahren zu Ende, seinen Folgen kann in der Hauptstadt Berlin an jeder Ecke begegnet werden: Arbeitslose kämpfen um Tageslohn, Kriegsversehrte betteln um ein Stück Brot, und Frauen verkaufen sich, um die Kinder über die Runden zu bringen. In diesem Umfeld fällt eine, dann eine weitere Tote nicht auf, wenn sie eine Prostituierte war. Es mehren sich die Fälle, der Täter skalpiert seine Opfer. Das erregt Aufsehen.

Der Polizist Bernhard Gunther wird von der Sitte in die Mordkommission versetzt – und so beginnt die Karriere eines der ungewöhnlichsten Ermittler in der literarischen Kriminalgeschichte. Der Brite Philip Kerr, vor drei Jahren verstorben, hat ihn in vierzehn Romanen vor allem während der Naziherrschaft, aber auch in den Fünfzigerjahren auf die Suche nach Mördern geschickt.

Mit seinem letzten Roman begegnen wir dem Bernie Gunther am Beginn seiner Laufbahn – und sehen, was ihn geprägt hat, ihn zum Zyniker und Trinker, zum einigermaßen Anständigen bei allem Grausligen werden ließ, zum „Oscar Wilde mit einer Walther PPK“, wie ihn Kerr einmal beschrieben hat.

In „Metropolis“ jedenfalls bleibt es nicht beim Mord an Prostituierten, sondern „Winnetou“, wie der Killer in den Medien genannt wird, gibt nun auch bettelnden Krüppeln in Uniform den Gnadenschuss. Gunther schlüpft selbst in diese Rolle und jagt den Täter.

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Es ist ein tristes Bild jenes Berlins, das für einige wenige Reichtum und Glitter, für die vielen jedoch bittere Armut und Perspektivenlosigkeit zeigte. Der Boden ist unheilvoll aufbereitet für die Braunen, die auf wachsende Zustimmung stoßen und vor der Machtübernahme stehen.

Gerade 250 Kilometer sind es von Berlin nach Hamburg. Zur gleichen Zeit hat auch die Kripo in der Hansestadt mit einer Mordserie an Prostituierten zu tun – gerade erst ein Jahr gibt es die „Weibliche Kriminalpolizei“ als Spezialeinheit für Verbrechen, die Frauen betreffen. Paula Haydorn, Tochter aus behütetem Haus, heuert dort zwar als Sekretärin an, wird aber bald in die Soko aufgenommen – ihr Gespür erweist sich als besonders hilfreich. Ebenso wie Kerr gelingt es auch Helga Glaesener, die Tristesse der späten 1920er-Jahre einzufangen, auf der die späteren Gräuel gedeihen konnten.

Philip Kerr: Metropolis. Wunderlich. 400 Seiten. 24,70 Euro

Helga Glaesener: Die stumme Tänzerin. Rowohlt. 365 Seiten. 10,30 Euro.


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