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Das Leben, ein böser Traum: Marianne Fritz im Akademietheater

Bilderbuch der grauen Schatten: Marianne Fritz’ „Die Schwerkraft der Verhältnisse“ am Akademietheater.

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Bertha (Katharina Lorenz), Wilhelm (Markus Meyer) und ihre Kinder in der Enge ihrer „Verhältnisse“.
© Marcella Ruiz Cruz

Wien – Marianne Fritz (1948–2007) ist die große Unbekannte der österreichischen Literatur nach 1945. Nur einem kleinen Kreis von Verehrern sind ihre Roman-Gebirge „Dessen Sprache du nicht verstehst“ oder das mehrbändig angelegte und unvollendet gebliebene „Naturgemäß“ vertraut – soweit dieser Begriff überhaupt anzuwenden ist auf ein Werk, das sich in seiner überwältigenden wie genialischen Maßlosigkeit vor dem Lesepublikum ausbreitet.

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Bastian Kraft, der deutsche Regisseur, der am Burgtheater mit „Das Bildnis des Dorian Grey“ oder „Mephisto“ schon Literatur in Bühnen-Bilder verwandelt hat, nahm sich nun Marianne Fritz’ Debütroman „Die Schwerkraft der Verhältnisse“ (1978) an. Ähnlich dem schmalen, leider vergriffenen Buch, das auf seinen hundert Seiten mit der Geschichte einer Kindsmörderin, die nach versuchtem Selbstmord in der Psychiatrie landet, harten Blickes hinter die Fassaden der grau-verlogenen Biederwelt der österreichischen Nachkriegszeit schaut, öffnet auch Krafts konsequente, wunderbar verdichtete Bühnenadaption Türen in vielerlei Abgründe.

Man taucht ein in ein Reich der Schatten, die in präziser Übereinstimmung mit den Gesten und Bewegungen des Ensembles ihre riesengroße Entsprechung auf der Leinwand finden (Bühne: Peter Baur, Video: Jonas Link). Katharina Lorenz ist zart wie eindringlich die stille Zweiflerin Bertha Schrei, deren „Wunde Leben“ sich – vielleicht – erst mit der Zerstörung „ihrer Schöpfung“ schließen kann. Nils Strunk sorgt, so er nicht in die Rolle von Berthas im Krieg gefallenen Liebhaber und Vater ihres Sohnes schlüpft, für die fabelhaft subtile Bühnenmusik. Und für eine der innigsten Szenen, wenn sein Rudolf mit Lorenz’ Bertha zu Walzerklängen kurz „Die Schwerkraft der Verhältnisse“, den Krieg und das unglückliche Selbst, außer Kraft setzt. Dem „Lächler“ Wilhelm, Durchschnittsbürger, Chauffeur und „Geh-her-da“, verleiht Markus Meyer gewandt Gestalt: Brav, feig und patriarchalisch ist er Ehemann, Stiefvater wie Vater des zweiten Kindes, einer Tochter – und wird sich, nach Berthas Einweisung, schnell mit deren berechnender Freundin Wilhelmine (beeindruckend intrigant: Stefanie Dworak) zum Wirtschaftswunder-Traumpaar zusammentun. Bleibt noch das von Fritz als Erlöserfigur entwickelte „weise Mütterchen“, das Barbara Petritsch als weißhaarige Druidin beeindruckend vorstellt.

Begeisterter Applaus für einen rundum gelungenen Abend im Zeichen einer großen Literatin. (lietz)

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