Coronavirus

Länder blockieren: Freigabe der Impfpatente dauert noch

WTO-Präsidentin Ngozi Okonjo-Iweala will weiter verhandeln.
© AFP

Die Forderung nach einer Freigabe der Covid-19-Impfpatente wird lauter, Österreich blockt – neben anderen Ländern – ab.

Von Verena Langegger

Innsbruck, Genf – Anfang Dezember hat die Word Trade Organisation (WTO) eine Sitzung in Genf zum Thema Covid-19-Impfstoff-Freigabe verschoben: Zu gefährlich sei die Einreise von Vertretern afrikanischer Länder wegen der Omikron-Variante des Covid-19-Virus. Damit wurde das vieldiskutierte Thema weiter verschoben. Österreich bekennt sich nach wie vor zur Position der Europäischen Kommission. Die Kommission und die EU-Mitglieder vertreten den Standpunkt, dass eine generelle Aufhebung des Patentschutzes keinen Beitrag zur Erhöhung der Produktion erbringen würde, wohl aber zu einer Gefährdung des geistigen Eigentums.

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Der Weg der freiwilligen Lizenzierung, also Technologietransfer, werde von österreichischer Seite jedoch unterstützt. Auch die Pharmaindustrie, der Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs, weist darauf hin, „dass die Aufhebung des Patentschutzes für Corona-Impfstoffe nicht die Lösung für das Verteilungsproblem sein kann, da bereits in ausreichendem Maße Impfstoffe hergestellt werden/wurden“.

Kritik an dieser Haltung kommt von Wissenschaftern und auch Regierungschefs und NGOs. Diese kritisieren die Langwierigkeit von Lizenzierungen. Forscher plädieren daher für den Aufbau eigener Covid-Arzneimittelproduktionen in Ländern des Globalen Südens. Nur so könne die Pandemie eingedämmt und die Ungleichheit beim Impfstoff-Zugang behoben werden. Es sei erst die Hälfte der Weltbevölkerung mit zumindest einer Impfdosis geimpft und in Ländern mit niedrigem Einkommen seien überhaupt erst rund fünf Prozent der Bevölkerung geimpft. Betont wird auch, dass die Forschung an mRNA-Impfstoffen fast ausschließlich mit öffentlichen Geldern finanziert worden sei. Auch die Spendenzusagen reicher Länder hätten sich nicht erfüllt, kritisiert Ärzte ohne Grenzen (MSF).

„Ein wesentlicher Teil, der fehlt, ist der Impfstoff“

Epidemiologe Gerald Gartlehner sagt, dass alle irgendwann immun gegen Covid-19 sein werden, Impfstoff für alle gibt es aber nicht.

Warum wehren sich Länder – wie auch Österreich – gege­n eine Freigabe der Covid-19-Impfpatente? Gibt es medizinische Gründe?

Gerald Gartlehner: Medizinische Gründe sicher nicht, eher geht es um erfolgreiches Lobbying der Pharma-Industrie.

Woher bekommt der Globale Süden seine Impfstoffe?

Gartlehner: Derzeit aus dem Globalen Norden. Westeuropa, USA, aber auch Russland (Sputnik) und China (Sinovac).

Könnten Entwicklungs- bzw. Schwellenländer diese Impfstoffe selbst produzieren?

Gartlehner: Es könnten sicher nicht alle Entwicklungsländer diese Impfstoffe selbst produzieren, aber Länder wie Südafrika und Indien haben eine sehr hoch entwickelte Pharma­industrie, die das mittelfristig sicher könnte.

Wäre eine Durchimpfung – z. B. in Afrika – höher bei eigener Produktion? Oder fehlt es an anderem, etwa der Impflogistik?

Gartlehner: Es fehlt natürlich an vielem, aber ein wesentliche­r Teil, der derzeit fehlt, ist der Impfstoff.

Wie sieht die Covid-Situation in Entwicklungs- und Schwellenländern in Bezug auf Covid-19 tatsächlich aus? Auch in Bezug auf Omikro­n?

Gartlehner: Aufgrund der meist jüngeren Struktur der Bevölkerung wurden manche Länder nicht so hart getroffen, andere mit sehr hoher Bevölkerungsdichte (Indien oder Brasilien) wiederum schon. Omikron kommt aus dem südlichen Afrika und alles deutet darauf hin, dass es Delta global verdrängen wird, auch in den Entwicklungsländern.

Wird es jemals ein Ende der Pandemie geben, wenn nicht weltweit mehr oder weniger durchgeimpft wird? Oder bedeutet das ein Ende der Reisefreiheit?

Gartlehner: Wir werden global alle im Laufe der Zeit Immunität entwickeln, Corona wird so wie andere Erkältungsviren werden und in der kalten Jahreszeit vermehrt auftreten. Solange wir keine globale Immunität durch Impfung oder Erkrankungen erreicht haben, besteht aber immer die Gefahr, dass neue Mutationen entstehen, so wie wir das gerade bei Omikron sehen. Eine Einschränkung der Reise­freiheit ist keine Lösung, weil es in eine­r globalisierten Gesellschaft immer nur eine Frage der Zeit ist, bis neue Varianten bei uns sind.

Das Gespräch führte Verena Langegger