Kunstraum Innsbruck: Sehen und Sichtbar-Machen

Videos als Plädoyers für eine offene Gesellschaft: Pauline Boudry und Renate Lorenz im Kunstraum Innsbruck.

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Radikal reduzierter, filmischer Parcours: Im Bild läuft das Video „The Right to Have Rights“ (2019).
© Jarosch

Wien – Irgendwann wurde klar, da stimmt etwas nicht, dort im Schweizer Pavillon, der anlässlich der Venedig-Biennale 2019 mit Pauline Boudry und Renate Lorenz zum Club mutiert war. Im dort gezeigten Video, einer Tanzszene in Endlosschleife, bewegten sich nämlich nicht alle TänzerInnen so, wie man es gewohnt ist. Einige Sequenzen liefen im Rückwärtsgang. Der Fortschritt wird in „Moving Backwards“ augenscheinlich zum Rückschritt. Mit ihrem Plädoyer für eine offene Gesellschaft reagierten Boudry und Lorenz auf reaktionäre Kräfte.

Den Gegensätzlichkeiten bleiben die beiden Berliner Künstlerinnen, die seit 2006 im Duo arbeiten, treu. Wie auch den Themen. Auch ihre neue Schau im Innsbrucker Kunstraum. „Silent Manifesto“ – allein der Titel ist paradox – zeigt drei Videos. Zusammengesetzt zu einem filmischen Parcours.

Wie er verläuft, zeigen Lichtsignale. Man folgt ihnen – oder auch nicht, denn von allen Standpunkten im Raum aus lässt sich das Geschehen verfolgen, laufen die Videos doch auf speziellen, semitransparenten Displays.

Kunstraum Innsbruck

Maria-Theresien-Str. 34, Innsbruck

bis 26. Februar

Di/Mi/Fr 13–18 Uhr, Do 13–20 Uhr, Sa 10–15 Uhr.

Das Formale korrespondiert mit dem Inhalt: Mit Transparenz bzw. Opazität spielen auch die Videos. In „Opaque“ (2014) verschwinden Geflüchtete hinter glitzernden Vorhängen und buntem Rauch, während in „Silent“ (2016) Geschlechtergrenzen aufgelöst werden. Eine Person tritt am Berliner Oranjenplatz ans Mikro. Um zu schweigen. Erst später ertönt ein Lied über Komplizenschaft, Krieg und Ausgegrenzt-Sein – eben genau dort, wo bis 2014 ein Refugee-Protestcamp beheimatet war.

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Ähnlich eindringlich ist „The Right to Have Rights“ von 2019 mit dem vorgetragenen Text der Genfer Flüchtlingskonvention. Die menschliche Stimme verkommt hier aber zunehmend zu einer technoiden. Erste Assoziationen folgen prompt: Wo bleibt beim Thema Flucht die Menschlichkeit?

Boudrys und Lorenz’ Arbeiten treffen tief und reißen mit – ohne irgendwann plakativ zu werden. Dem Kunstraum Innsbruck tut ihre radikal reduzierte Präsentation nach etlichen sinnlichen, oft verspielten Ausstellungen besonders gut – daran erinnert höchstens ihr „Wig Piece“ nebenan. Im Hauptraum liegt die Konzentration auf dem Sehen – und dem Sichtbar-Machen. (bunt)


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