Vorbild Ecuador: Südtiroler UNO-Experte fordert Rechte der Natur in Verfassungen

Alex Putzer fordert die Berücksichtigung von Naturrechten in den Verfassungen von Europas Staaten. Seine Heimat Südtirol könne dabei eine Vorreiterrolle einnehmen. Eine revolutionäre Gesetzesänderung in diese Richtung hat Ecuador als einziges Land der Welt vorgenommen.

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Bozen – Immer mehr Länder erkennen die Rechte der Natur an – unabhängig von menschlichem Nutzen. Dieses neue Rechtsverständnis führe zu einer "Wiederherstellung der Harmonie zwischen unserer technischen Zivilisation und der Natur", so die Hoffnung einer immer größer werdenden Gruppe Wissenschafter. Der Südtiroler Alex Putzer ist einer von ihnen. Im APA-Gespräch forderte der anerkannte UN-Experte die Berücksichtigung der Rechte der Natur in den Verfassungen von Europas Staaten.

Seine Heimat könne dabei eine Vorbildrolle einnehmen, fand er. Denn im deutschsprachigen Raum werde zwar vermehrt über das Thema diskutiert, doch noch gebe es "keine umgesetzten Initiativen". Im Schweizer Kanton Basel-Stadt soll am 13. Februar eine Volksabstimmung zum Thema Grundrechte von Primaten stattfinden, in Bayern möchte eine Gruppe die Rechte der Natur in die Bayerische Verfassung aufnehmen. Ein Richter aus Erfurt hat Mitte August in einer Vorlage an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) die Rechte der Natur thematisiert und sich für ihre Anerkennung ausgesprochen, umriss der Naturethiker und Politologe die aktuellen Entwicklungen.

Wissenschafter fordert "Leuchtturmfunktion" Südtirols

Geht es nach dem Wissenschafter, ist die Zeit für Südtirol gekommen, hier eine "Leuchtturmfunktion" einzunehmen. Schließlich sei die Natur die "Basis" für Südtirol. "Mit den Rechten der Natur zollen wir ihr Anerkennung und zeigen uns erkenntlich für den Wohlstand, den sie uns gebracht hat", war Putzer der Meinung.

Die Anerkennung der Rechte der Natur löst Umweltkrisen zwar nicht, räumte Putzer ein, und die Natur sei "grundsätzlich nicht darauf angewiesen, dass wir ihr Rechte zugestehen". Doch wenn der Mensch die Natur als Rechtssubjekt wahrnimmt, verändere sich sein Verhalten, war Putzer überzeugt. Es werde ein "neues Bewusstsein geschaffen, das nicht auf der Hierarchie von Mensch und Natur, sondern auf der Harmonie zwischen den beiden beruht". Bisher deklariere das moderne Rechtssystem die Natur vor allem als Eigentum, das im Angesicht seiner Nützlichkeit für den Menschen bemessen wird, stellte Putzer klar.

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In Ecuador sind Naturrechte in der Verfassung verankert

Putzer ist Doktorand an der Scuola Superiore Sant'Anna in Pisa und zählt mittlerweile auch zu den von den Vereinten Nationen (UNO) anerkannten Experten auf dem Gebiet der Rechte der Natur. Er war an der Erklärung, die im Februar 2021 dem Mond Rechte verlieh (die "Declaration of the Rights of the Moon") beteiligt und dokumentiert im Moment unterschiedlichste Initiativen im Zusammenhang mit Rechten der Natur. Seine Datenbank umfasst über 400 Initiativen in 40 Ländern auf allen Kontinenten der Erde.

UN-Experte Alex Putzer: "Mit den Rechten der Natur zollen wir ihr Anerkennung und zeigen uns erkenntlich für den Wohlstand, den sie uns gebracht hat"
© Putzer

"Ecuador ist aktuell das einzige Land der Welt, in dem die Rechte der Natur in der Verfassung verankert sind", ließ Putzer wissen. Diese revolutionäre Gesetzesänderung, die 2008 in Kraft trat, ermögliche es nun Umweltorganisationen, Gemeinschaften sowie Privatpersonen, das Recht der Natur – etwa ihr Recht auf Leben oder auch Wiederherstellung – vor Gericht einzufordern. Dies sei auch für europäische Länder erstrebenswert, fand er. Es ginge auch einher mit der im Juni gestarteten UNO-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen.

"Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen, wer dazu berechtigt ist, die gesetzliche Vertretung der Natur zu übernehmen", stellte Putzer klar. So können in Ecuador die Rechte der Natur nicht nur von Bürgerinnen und Bürgern des Landes, sondern von jedem eingefordert werden. Im Jahr 2011 hatte ein US-amerikanisches Paar erfolgreich gegen die Provinzregierung von Loja geklagt und so eine Wiedergutmachung wegen der Beschädigung des Vilcabamba-Flusses erwirkt, wusste Putzer. In Neuseeland wurden hingegen konkrete Vertreterinnen und Vertreter ernannt, die im Namen des Flusses Whanganui sprechen.

Rechtliche Begründung für Misshandlung der Natur nötig

Misshandlungen der Natur können also "nicht mehr durch kategorische Unterschiede zwischen Mensch und Natur begründet werden, sondern verlangen plötzlich nach einer Rechtfertigung, die darüber hinausgeht", erläuterte Putzer. Natürlich stehe auch hier der Mensch wieder im Zentrum, denn die Natur kann nicht für sich selbst sprechen. "Neugeborene und Unternehmen aber ebenso wenig, und doch haben sie Rechte. Es ist für uns selbstverständlich, dass wir versuchen, zu verstehen, wann diese in ihren Rechten verletzt werden", konterte der Experte dieser Kritik.

Putzer ist überzeugt davon, das Südtirol durch eine proaktive Bewerbung der Rechte der Natur eine Vorreiterrolle einnehmen könnte – und zwar nicht nur im deutsch-, sondern ebenso im italienischsprachigen Raum. "Es gibt zwei Möglichkeiten, auf die Umweltkrisen zu reagieren: Reaktionär oder proaktiv", führte Putzer aus. Entschließe sich das Land zumindest partiell dazu, der Natur – verstanden als einheitliches Ökosystem – den Status eines Rechtssubjektes zu geben, dann sei dies ein "gutes, komplementäres Element" zur im Juli diesen Jahres durch die Landesregierung veröffentlichten Nachhaltigkeitsstrategie. "Es ist eine große Chance, positive Akzente zu setzen", unterstrich der Experte. (APA)


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