Patti Smith: Botschafterin der Selbstbestimmung wird 75

Patti Smith, schillernde Persönlichkeit mit Generationen umspannender Karriere, wird heute 75 Jahre alt.

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Patti Smith feiert ihren heutigen Ehrentag standesgemäß: mit einem Konzer­t vor den Toren von New York City.
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New York – In Port Chester müsste man sein. Dann könnte man ein Geburtstagsständchen auf Patti Smith anstimmen. Denn in Port Chester, 40 Autominuten von New York City entfernt, gibt die Musikerin, Autorin und Malerin heute, an ihrem 75. Geburtstag, ein Konzert.

Was sollte Smith auch anderes tun? Die Bühne ist ihr natürliches Habitat, wie ein zweites Wohnzimmer. Die Sängerin ist eine lebende Legende des Rockbusiness – Unterkategorie: intellektuell-progressiv. Smiths Name fällt in einem Atemzug mit Bob Dylan (dessen Nobelpreis sie 2016 in Vertretung entgegennimmt), Joni Mitchell oder Leonard Cohen.

Dabei kommt die Karriere der 1946 Geborenen eher schleppend in die Gänge, damals im New York City der 70er-Jahre. Da ist die Metropole am Hudson River noch ein richtig heißes Pflaster, zweifelhaft ihr Leumund. Der Broadway huldigt dem Mainstream, doch andernorts in Manhattan blüht die Subkultur. In Locations wie dem legendären Chelsea Hotel, von Leonard Cohen so zärtlich und explizit besungen, gehen Künstler ein und aus: Cohen selbst, Janis Joplin, angesagte Schriftsteller wie Jack Kerouac oder Allen Ginsberg.

Und mittendrin: Patti Smith. Sie kann sich gerade noch über Wasser halten, versucht fast schon manisch, als Autorin Fuß zu fassen.

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Doch es kommt anders: Mit dem Debütalbum „Horses“ glückt Smith 1975 der Durchbruch als Musikerin. Ihr eigenwilliger Mix aus treibendem Sound, unterlegt von sensiblen, lyrischen Textstellen, wird zum Markenzeichen. Bei Smith lohnt es sich stets, genauer hinzuhören. Musik und Text bedingen einander, untrennbar .

Von Smith stammen Standards des Rock-Kanons. Ihr mit Abstand bekanntester Song ist das sehnsüchtig-liebestrunkene „Because the Night“. Die Musik dazu stammt von Bruce Springsteen, dem Boss wollen aber keine passenden Worte für diesen Schmachtfetzen einfallen. Vielleicht fürchtet er um sein Image als working class hero, das ohnehin nicht Springsteens gelebter Realität als Rockstar entspricht.

Jedenfalls reicht Springsteen 1977 das halbfertige „Because the Night“ an Patti Smith weiter. Diese vollendet den Song mit leichter Hand und feinem Gespür. Seither gilt dieser Gassenhauer als die Schöpfung beider. Wie zum Trotz versieht Springsteen das Stück live immer wieder mit eigenen Textfetzen. Der Boss ist er.

Private Tragödien prägen Smiths Leben. Zweimal verliert sie innig geliebte Partner. Fotograf Robert Mapplethorpe erliegt einer Aids-Erkrankung. Gitarrist Fred „Sonic“ Smith, den Patti 1980 heiratet, stirbt 1994 mit nur 46 Jahren an Herzversagen. Den Schmerz darüber verarbeitet die Witwe zwei Jahre später auf ihrem großartigen Album „Gone Again“.

Als Freigeist wird die heutige Jubilarin mitunter bezeichnet, als unbeugsam und (auch politisch) hellwach. Nirgends wird diese Beschreibung deutlicher als in Smiths zweitem Welthit „People Have the Power“ von 1988. Heute ist zeitgeistig viel von empowerment die Rede, davon, dass Menschen dazu befähigt werden, selbstbestimmt zu leben. Auch in dieser Hinsicht ist Smith ihrer Zeit voraus. (mark)


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