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Am Zufall zerschellt: Thomas von Steinaeckers „Ende offen"

Geldmangel und Größenwahn, Napoleon, Neufundland und verschiedene Arten des Todes: Thomas von Steinaecker legt mit „Ende offen“ eine Kulturgeschichte des Unvollendeten vor.

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1882 begann der Bau der Sagrada Família in Barcelona. Als der Architekt Antoni Gaudí 1926 starb, war sie noch Großbaustelle. 2026 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.
© imago

Von Joachim Leitner

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Innsbruck – Manches blieb liegen, anderes stecken, einiges wuchs oder wucherte sich so weit ins Ungeheuerliche aus, dass an ein Ende nicht mehr zu denken war. Mitunter sind die Gründe, warum ein Kunstwerk unvollendet blieb, aber profaner: Es fehlte an Geld, Geldgebern oder anderweitiger Motivation. Bisweilen schlug die Stimmung um, manchmal schlicht und ergreifend der Zufall zu. Besonders ergreifend, wenn er das Ableben des Künstlers bedeutet. Oder der Künstlerin.

Wobei: Künstlerinnen sind in Thomas von Steinaeckers an Facetten reichem Buch „Ende offen“ recht selten. Was wohl weniger ein Indiz dafür ist, das Künstlerinnen konsequenter im Fertigmachen sind, sondern einmal mehr vorführt, dass sie von der Kunstwelt und deren Chronisten selbst beim Scheitern übersehen werden. Aufschlussreich und kurzweilig ist „Ende offen“ trotzdem: eine Kulturgeschichte des Unvollendeten, von Leonardo da Vinci über Mozart und Stockhausen bis hin zu Star Trek; von Caspar David Friedrichs „Friedhofseingang“ über Leonard Bernsteins Versuch zur amerikanischen Oper zu Ingeborg Bachmanns „Todesarten“, „Tim und Struppi“ und Terry Gilliam, der sich auf der Suche nach Don Quichotte in der Mancha verlor.

Von Steinaecker, Jahrgang 1977, Autor kluger Romane – etwa „Die Verteidigung des Paradieses“ (2016) – und ausgezeichneter Radioessays – über Paul Celan zum Beispiel, oder zuletzt über Fjodor Dostojewski – teilt die „Fälle“, in denen er mit detektivischer Detailversessenheit ermittelt, in vier Bereiche ein: „Utopien“, „Tod“, „Größenwahn“ und – frei nach Krzysztof Kies´lowski – „Der Zufall möglicherweise“. Die Grenzen sind naturgemäß fließend – und letztlich steht jeder Fall für sich. Billy Wilders Absicht beispielsweise, um 1960 einen Film mit den Marx Brothers zu drehen, ordnet von Steinaecker bei den Utopien ein. Vollkommen zu Recht. Schließlich sah das Drehbuch eine „Rede“ des stummen Harpo vor, der der UN-Generalversammlung mit Tröten und Hupen die atomare Eskalation austreiben muss. Die Möglichkeit zerschellte am Zufall: Kurz vor Vorproduktionsstart setzte Harpos Herz aus.

Auch den katalanischen Architekten Antoni Gaudí und seine Sagrada Família führt von Steinaecker unter Utopie. Tod hätte allerdings auch gepasst. Als Gaudí 1926 unter unseligsten Umständen starb – er wurde nach dem Kirchgang von einer Straßenbahn angefahren, für einen Obdachlosen gehalten und äußerst nachlässig verarztet –, war sein Opus Magnum eine Großbaustelle – und sollte gut ein Jahrhundert lang monumentaler Torso bleiben. Erst 2026 soll der letzte Kran ab- und die Kathedrale fertig aufgebaut sein.

Sachbuch

Thomas von Steinaecker. Ende offen. Das Buch der gescheiterten Kunstwerke. S. Fischer, 604 Seiten, 36 Euro.

„Offenes Ende“ ist ein Kompendium übergroßer Vorhaben. Wobei die Vorhaben auch Vorwand sind, um kreative Prozesse nachzuzeichnen und kreative Kraft zu porträtieren. Kino-Visionär Stanley Kubrick zum Beispiel legte gleich mehrfach Großproduktionen zu den Akten. Sein „Napoleon“-Projekt gilt als größter Film, der nie gedreht wurde. Nachdem der thematisch verwandte Film, „Waterloo“ beim Publikum durchfiel, mottete Kubrick „Napoleon“ ein. Er hatte den Film jahrelang vorbereitet. Den 40.000 rumänischen Soldaten, die als Statisten engagiert waren, wurde abgesagt. Es gibt wohl Schlimmeres. Kubrick drehte „Uhrwerk Orange“.

Nicht alle Geschichten des Scheiterns, die Thomas von Steinaecker in seinem Buch anführt, enden so versöhnlich: Bisweilen – bei Ingeborg Bachmann oder bei Thomas Bernhards „Neufundland“ zum Beispiel – wird es tragisch. Manches mausert sich zur dunklen Tragikomödie. Was ihn von Robert Musil unterscheide, wollte der Spiegel einst von Heimito von Doderer wissen. Doderer ätzte mit Blick auf Musils „Mann ohne Eigenschaften“, dass er keine Fragmente schreibe. Von seinem letzten Roman – Arbeitstitel: „Roman No.7/II. Der Grenzwald“ – schaffte er zehn Kapitel. Der Rest blieb ungeschrieben.


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