„Späte Gedichte“ von Pier Paolo Pasolini: Sprachliche Sprengsätze

Pier Paolo Pasolini wäre heuer 100 geworden. Seine „Späten Gedichte“ liegen nun in einer vorbildlichen Edition auch in deutscher Übersetzung vor.

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Pier Paolo Pasolini um 1970 in seiner Wohnung in Rom.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck – „Er war ein Dichter. Es gibt nicht viele Dichter. Vielleicht drei oder vier in einem Jahrhundert.“ So hat der Romancier Alberto Moravia Pier Paolo Pasolini nachgerufen. In der Nacht auf Allerseelen 1975 war Pasolini ermordet worden. Die Umstände der Bluttat am Strand von Ostia sind ungeklärt. Es gab einen verurteilten Mörder, viele Theorien und den Glauben an eine große Verschwörung.

Pasolini also war Poet. Eine Zeitlang war er vielleicht sogar Italiens berühmtester Intellektueller. Er schrieb Gedichte und Romane, Essays, Artikel und Reportagen für Zeitungen, Theaterstücke und Drehbücher. Ab 1961 drehte er Filme. Im deutschen Sprachraum waren es vornehmlich die Filme, die Pasolini bekannt machten: „Accattone“ und „Mamma Roma“, „Das 1. Evangelium – Matthäus“, „Große Vögel, kleine Vögel“, „Medea“ mit Maria Callas. Seine Texte – frühe Romane wie „Ragazzi di Vita“, Theoretisches, etwa sein „Empirismo eretico“ oder die „Freibeuterschriften“ – wurden außerhalb Italiens erst nach dem Tod des Poeten entdeckt. Der Verleger Klaus Wagenbach hat Pasolini als einer der Ersten ins Deutsche geholt. Überhaupt hat Wagenbach – er ist Mitte Dezember 91-jährig gestorben – für hiesige Leserinnen und Leser ein anderes Italien eröffnet, ein widersprüchliches und widerborstiges Land – abseits von Adriaküste, antiken Scherben und blühenden Zitronen. Pasolini blieb im Deutschen trotzdem lange Fußnote. Alle zehn Jahre erschien – mal da, mal dort – ein gutgemeintes Auswahlbändchen. Die meisten sind seit einer halben Ewigkeit vergriffen.

Heuer jährt sich Pier Paolo Pasolinis Geburtstag am 5. März 1922 zum 100. Mal. Pünktlich dazu liegen nun seine späten Gedichte vor: die Zyklen „Die Religion meiner Zeit“ (1961), „Dichtung in Form einer Rose“ (1964) und „Trasumanar e organizzar“ (1971), ergänzt um „Verstreute Gedichte“ aus dem Nachlass in einem edel ausgestatteten Band – 620 Seiten, zwei Lesebändchen, ein kenntnis- und aufschlussreiches Nachwort von Theresia Prammer. Prammer hat „Nach meinem Tod zu veröffentlichen“ auch herausgegeben und die Gedichte ins Deutsche übertragen: eine Großtat. Im Nachwort nennt sie den Band „eine versuchte Bändigung“. Das trifft es ziemlich genau. Pasolini ist in seinem Denken, Reden und Handeln kaum zu fassen. Er war alles und nichts – und beides in einem: Katholik und Ketzer, archaisch, radikal, futuristisch, marxistisch, auf eigentümliche Art konservativ und seltsam nostalgisch. Pasolini prangerte den Mord an der Kultur des Einzelnen durch Moden und Marken an und beschwor die geheimnisreiche, von den Fesseln des Rationalen befreite Möglichkeit eines „wir“, das als zukünftige Erinnerung im Heute lebt. So sind auch seine Gedichte. Sie sind Reaktionen auf Ereignisse, politische Interventionen, Polemiken. Und sie sind Versuche, Reaktionen, Interventionen und Polemiken im Nachhinein einzuordnen.

Nein, Pasolinis Lyrik ist nie einfach – auch im landläufigen Sinn „lyrisch“ ist sie nicht. Vielem, das ganz konkret auf den gesellschaftlichen oder politischen Entstehungskontext anspielt, müsste man, gäbe es Theresia Prammers Anmerkungsapparat nicht, hinterhergoogeln. Ein bitterböses Shakespeare-Pastiche – „Friends, Romans, countrymen, lend me your ears!“ – entfaltet seine ganze Kraft erst, wenn man weiß, dass es denen, die darin anklagt werden, auf offener Bühne vortragen wurde. Andere Gedichte erschienen in Zeitungen – und arbeiten sich an der Sprache von Agenturmeldungen und Pressemitteilungen ab. Manche Texte wies Pasolini als Auftragsarbeiten aus. Doch auch für sie gilt: „Auftragsgedichte sind Sprengsätze“ – der schöne Gleichklang von „ordinazione“ (Auftrag) und „ordigno“ (Bombe) geht im Deutschen leider verloren.

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Die Gedichte sind randvoll mit Beobachtungen, Befragungen und Bezügen, reich an Korrekturen und Klagen. Durch die Verzweiflungsverse schimmert manchmal Komik, bisweilen auch zarte Ironie: „Ich gehe bis/ans Ende und kehre wieder um“, heißt es im „Monolog über die Sonne“. Genauso sollte man diese Gedichte lesen: von vorne nach hinten – und dann von hinten nach vorne – immer wieder.

Gedichte Pier Paolo Pasolini: Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Suhrkamp, 620 Seiten, 43,20 Euro.


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