„Frauen Literatur“ von Nicole Seifert: Gut eingeübte Ungerechtigkeit

Nicole Seifert erklärt in ihrem Buch „Frauen Literatur“, wie und warum Autorinnen vom Literaturbetrieb noch immer benachteiligt werden.

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Nicole Seifert betreibt den Literaturblog „Nacht und Tag“.
© imago

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Es tut sich was. 1992 war die „Deutsche Literaturgeschichte“ noch zu 90 Prozent männlich. Jedenfalls die im (Standard-)Nachschlagewerk aus dem Metzler-Verlag kanonisierte. Inzwischen – in der überarbeiteten Neuausgabe von 2019 – steht der Autorinnenanteil bei 18 Prozent. Immer noch weniger als ein Fünftel, aber immerhin. Die acht Prozentpunkte „neuer“, also mittlerweile literaturhistorisch nennenswerter Autorinnen gab es selbstverständlich bereits 1992. Aber damals war ihr Beitrag eben nicht nennenswert.

Dieser Umstand ist nicht neu. Und der in digitaleren Zeiten nicht wirklich zugkräftige Verweis auf Literaturlexika nur ein Beispiel von vielen. Immer wieder wurde und wird darauf hingewiesen, dass der Blick auf Geschichte und Gegenwart der Literatur ein ziemlich einseitiger ist – und dass die (zumeist männlichen) Gralshüter des literarisch Richtigen, Wichtigen und Schönen an dem, was ihrem Kunstverständnis nicht wirklich entspricht, kunstvoll vorbeischauten. Oder, wie „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki, kräftig darauf einschlugen. Beim ersten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt etwa redete sich der Großkritiker nach dem Vortrag der Autorin Karin Struck in Rage. „Wen interessiert, was eine Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert? Das ist keine Literatur – das ist ein Verbrechen.“ Auch an seiner These, dass Frauen zwar Gedichte oder Novellen, aber eben keine Romane schreiben können, jedenfalls keine, die seine Aufmerksamkeit verdienten, hielt Reich-Ranicki zeit seines Lebens fest. Die Erklärung dafür verortete er noch 2000 in einem Interview außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs: „Fragen Sie Gynäkologen!“ Ein Extrembeispiel, keine Frage. Und eins von vorvorgestern noch dazu. Doch die Literaturwissenschafterin und Übersetzerin Nicole Seifert führt in ihrem Buch „Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ auch rezentere an, die sichtbar machen: Der Literaturbetrieb, das Verlagswesen genauso wie die Institutionen der Literaturvermittlung, haben ein Gerechtigkeitsproblem.

Seifert belegt ihre Beobachtungen mit belastbaren Forschungsergebnissen – unter anderem jenen der Innsbrucker Germanistin Veronika Schuchter: Nach wie vor stammen zwei Drittel der veröffentlichten Bücher von Männern. Und auch die mehrheitlich von Männern verfasste in Presse und Rundfunk publizierte Literaturkritik richtet ihr Augenmerk weiterhin – und allen Absichtserklärungen zum Trotz – vornehmlich auf Autoren. Daran hat auch der Umstand, dass in den vergangenen Jahren zahlreiche renommierte und öffentlichkeitswirksame Auszeichnungen – vom Nobel- bis zum Bachmannpreis – an Autorinnen gingen, nichts geändert.

Um zu erklären, warum das so ist, schaut Nicole Seifert zurück und zeichnet Entwicklung und das Fehlen von Entwicklungen nach. Sie erzählt von Autorinnen, die sich hinter männlichen Pseudonymen oder geschlechtsneutralen Initialen verstecken mussten – George Eliot zum Beispiel oder vor noch gar nicht so langer Zeit J. K. Rowling. Sie beleuchtet Kanonisierungsbewegungen, zeigt am Beispiel von Gabriele Reuters etwa zeitgleich mit Fontanes „Effi Briest“ veröffentlichtem Roman „Aus guter Familie“, wie und warum ein durchaus geachtetes Werk und dessen Autorin binnen weniger Jahre in Vergessenheit gerät – und ein anderes zum Klassiker wird. Und sie denkt über Sinn und Unsinn von Geschlecht als literarischer Kategorie nach, um klarzustellen, dass es nicht um die Rehabilitierung von „Frauenliteratur“ (das „Frauen“ im Buchtitel hat Seifert durchstreichen lassen) geht, sondern um das Aufzeigen von struktureller Benachteiligung, die nicht nur Frauen, sondern auch People of Colour zum Beispiel betrifft. Diese Benachteiligung wird in „Frauen Literatur“ klar benannt und anschaulich belegt. Das Buch macht zornig auf institutionalisierte Ignoranz und es öffnet den Blick – nicht nur für gut eingeübte Ungerechtigkeiten, sondern glücklicherweise auch für Texte, die zu Unrecht vergessen wurden und neu entdeckt werden sollten.

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📚 Sachbuch Nicole Seifert: Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen wiederentdeckt. KiWi, 212 Seiten, 18,50 Euro.


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