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„Die Ärztin“am Burgtheater: Zeitgeist im müden Bühnenstrohfeuer

„Die Ärztin“ von Thomas Icke kann bei der deutschsprachigen Erstaufführung im Burgtheater nicht überzeugen.

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Sehr frei nach Schnitzlers „Professor Bernhardi“: Ein TV-Tribunal macht „Der Ärztin“ diesmal den Prozess.
© Marcella Ruiz Cruz

Von Stefan Musil

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Wien – Was kann man alles in ein Theaterstück packen? Zu viel. Das Burgtheater führt mit Robert Ickes „Die Ärztin“ gerade den so wenig erfreulichen wie überzeugenden Beweis. Dabei ist der britische Theatermacher Robert Icke „bekannt für seine aufsehenerregenden Überschreibungen und Inszenierungen klassischer Texte. In seinen Bearbeitungen sucht er nach den radikalen Impulsen des Originals im Kontext seiner Zeit, um sie für ein heutiges Publikum erlebbar zu machen“, verheißt man Marketing-korrekt auf der Burgtheater-Homepage.

Bei „Die Ärztin“ nimmt sich Icke „Professor Bernhardi“ vor, in dem Arthur Schnitzler Fragen aus den Themenfeldern Antisemitismus, Katholizismus und Ethik abhandelte. Doch Icke bauscht das zum flach-gefälligen, ziemlich geschwätzigen Zeitgeiststück auf. Da wird dann gleich auch der Titelheld zur Heldin. Weniger um der Quote Genüge zu tun, sondern um auch noch ein paar feministische Spielbälle auf die Bühne zu werfen.

Uraufgeführt wurde „Die Ärztin“ 2019 in London. Robert Icke inszenierte damals selbst, so wie jetzt auch die deutschsprachige Erstaufführung. Sophie von Kessle tritt in Wien als Professor Ruth Wolff an und in Bernhardis Fußstapfen. Sie leitet eine Privatklinik, die sich auf die Erforschung von Alzheimer spezialisiert hat. Sie ist eine Koryphäe, die forsch, autoritär, mit rücksichtsloser Härte ihrer beruflichen Mission alles unterordnet. Als sie einem Priester den Zutritt verweigert, der einer nach einer missglückten Abtreibung im Sterben liegenden minderjährigen Tochter von Katholiken die letzte Ölung spenden möchte, entbrennt der zentrale Konflikt: Dr. Wolff ist Jüdin. Bald steht ihr der Kollege Roger Hardiman, ein Erzkatholik, als erbitterter Widersacher gegenüber. Die Empörung kocht über, natürlich vor allem in den sozialen Netzwerken, auch die Medienwelt greift dankbar zu. Damit nicht genug, stopft Icke zu dieser Ausgangslage noch an virulenten Konfliktthemen dazu, was sich finden lässt: Antifeminismus, Gleichberechtigung, die Abtreibungsfrage, Rassismus, Medizinethik, ein paar soziale Troubles, dazu hat Ruth Wolff eine pubertierende Tochter zu Hause, die ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht … Und am Ende steht auch noch der Selbstmord von Wolffs Partner. Oder Partnerin. Denn Icke lässt die Rollenbilder verschwimmen. Männer spielen Frauen, Weiße spielen Schwarze und umgekehrt.

Nüchtern ist die Kulisse dafür. Eine Arena mit ein paar Tischen in der Mitte. Über allem thront ein Schlagzeuger und sorgt für eine fast permanente Rhythmus- und Geräuschkulisse. Die Schauspieler sind akustisch verstärkt. Die Stimmung ist grundsätzlich angespannt, aggressiv. Die Figuren sprechen ihre Texte kolportageartig, gewinnen kaum menschliche Dimension, bleiben schablonenhaft. Das Ganze, erstaunlich konventionell inszeniert, erinnert an die Wahrhaftigkeit einer Pseudo-Reality-Show wie etwa das RTL-Format „Richterin Barbara Salesch“.

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Sophie von Kessel muss vor allem auf die Power-Tube drücken und kann erst gegen Ende mehr Farben in ihr Spiel lassen. Aus dem sehr divers agierenden und nicht durchwegs überzeugend geführten Ensemble fallen Burg-Debütantin Zeynep Buyraç als profilierter Gegenspieler Roger Hardiman, Stacyian Jackson als Gesundheitsministerin und Maresi Riegner, die der pubertierenden Sami zarte, menschliche Zwischentöne abringen kann, auf. Retten können auch sie den unergiebig und unentschlossen durch seine Themenflut mäandernden Abend nicht. Am Ende bleibt man auf einem Haufen Zeitgeistsplitter sitzen.


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