Aus der Welt flüchten, um sie nicht verlassen zu müssen

Michel Houellebecq muss sich und der Welt nichts mehr beweisen. Mit seinem neuen Roman „Vernichten“ versucht er es trotzdem.

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Michel Houellebecqs Roman „Vernichten“ kommt heute in den heimischen Buchhandel.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck – Michel Houellebecq gehört zu den Leuten, die sich und der Welt nichts mehr beweisen müssen. Michel Houellebecq, das ist längst eine Marke wie Gustav Klimt, Barbra Streisand oder Wes Anderson. Er hat seinen Stil und variiert ihn kaum. Dessen Eigenart wird gefeiert. Die Eigenartigkeiten darum herum sind verzeihlich. Schließlich ist Houellebecq nicht irgendwer, sondern eben Houellebecq: ein seltsamer Vogel und Europas wohl bekanntester Autor. Einer, der schon mal eine Jacke aus Thomas Bernhards Nachlass mitgehen lässt. Das jedenfalls hat er im Sommer 2019 beim Besuch des Bernhard’schen Vierkanthofs in Obernahtal getan. Weil die Jacke so gut passte, habe man toleriert, dass er sie nicht zurückgab, teilte Bernhards Nachlassverwaltung mit.

Nun hat Michel Houellebecq einen neuen Roman geschrieben – und mit „Vernichten“ überschrieben. Was zunächst einmal Erwartbares verspricht: Houellebecqs bisheriges Werk zelebriert die Auflösung einer postindustriellen und spätkapitalistischen Gesellschaft nachgerade. Und zunächst bestätigt „Vernichten“ diese Erwartungen beinahe offensiv. Hightech-Terroristen inszenieren die digitale Hinrichtung eines französischen Ministers. Der könnte Präsident werden. Aber es ist wahrscheinlicher, dass der aktuelle Machthaber einem Komiker ins Amt hilft. Hinter den Kulissen werden Strippen gezogen. Irgendwann geht ein Flüchtlingsschiff unter.

Das klingt nach handelsüblichem Reißer und liest sich auch so: übersichtlich ausgestaltete Unübersichtlichkeit. Im Großen droht in naher Zukunft – der Roman spielt 2026 – einmal mehr das Chaos. Im Kleinen hingegen herrscht die Langeweile: Der Protagonist Paul, ein funktionaler Funktionär im Wirtschaftsministerium, ist Anfang 50, irgendwie verheiratet, ziemlich müde – und er motzt. Über das, was in Houellebecq-Romanen meistens Gegenstand des Motzens ist: oberflächlich durchoptimierte Tage, verweichlichte Männer, Frauen, die sich ins Esoterische flüchten, und die Zweckbeziehungen und verpassten Chancen dazwischen.

Dann allerdings, nach etwa 80 Seiten, biegt der Roman ab, er lässt den Thriller Thriller sein und erklärt die mehr oder weniger verschlüsselten Anspielungen auf den Pariser Politzirkus – die dort für viel Gesprächsstoff sorgen – zum Dekor für eine ganz andere Geschichte: „Vernichten“ öffnet sich zum großen, figurenreichen Familienroman: Pauls Vater wird zum Pflegefall, im Unglück finden die Angehörigen – jedes Mitglied ist auf ganz eigene Art verkorkst und den anderen bislang vornehmlich egal – zusammen. Selbst die Liebe zwischen Paul und seiner Frau Prudence flammt neu auf – zunächst, da bleibt der Autor sich und seinen Markenzeichen treu, körperlich. Ganz ohne Kolportage geht es aber nicht: Eine klandestine Eingreiftruppe befreit Pflegebedürftige aus heruntergewirtschafteten Dahinsiech-Heimen. Da blitzt der messerscharfe Zuspitzer Houellebecq auf, der das Heute in ein dunkelgraues Morgen weiterdenkt. Dass diese Befreier ideologische Blindgänger sind, dass sie böse denken, um Gutes zu tun, und mit ihrem Aktivismus an der beklagenswerten Situation nichts ändern, ist eine der besseren Pointen des Buches.

Die beste folgt, als Paul die nächste Hiobsbotschaft trifft: Plötzlich naht nicht nur das Ende, der Weg verspricht Qualen. Paul wird dadurch zum Krimileser. Weil ihn Krimis mit ihrer kühlen Erzählmechanik ablenken. Er flüchtet sich aus der Welt, weil er sie nicht verlassen will. Das ist dunkel – und auf eine aussichtslos-anrührende Art schön: eine große, kleine Tragödie. Wer hätte das erwartet? Einen hoffnungslos romantischen Houellebecq? Ein Meisterwerk ist „Vernichten“ aber nicht. Dafür verlaufen sich viele Erzählstränge im Nirgendwo. Das Werk eines Meisters ist der Roman aber allemal. Eines Meisters, der sich und der Welt nichts mehr beweisen muss – und es bisweilen trotzdem versucht.

Roman

Michel Houellebecq: Vernichten. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. DuMont, 624 Seiten, 29 Euro.


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