„Spencer“: Lady Di zwischen Protokoll-Terror und Paranoia

Ausbruchsversuche aus der royalen Rolle. In Pablo Larraíns intensivem Porträtfilm „Spencer“ glänzt Kristen Stewart als Lady Di.

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Kristen Stewart ist der Oscar für ihr zerbrechliches Diana-Porträt fast nicht mehr zu nehmen.
© Polyfilm

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Das erste Vier-Buchstaben-Wort aus dem Mund von Kristen Stewarts Filmprinzessin ist nicht wirklich Lady-like. Diana ist gerade vor ihren Beschützern geflüchtet und hat sich mit ihrem Cabrio verfahren. Im Prunkschloss Sandringham Estate, auf dem der britische Hofstaat Weihnachten feiert, warten schon alle auf die Prinzessin der Herzen.

📽️ Video | „Spencer“ fügt dem Bild von Diana weitere Facetten hinzu

Regisseur Pablo Larraín legt seinen Film „Spencer“ als Verbündeter der tragisch verunglückten Lady Di an. Er und Autor Steven Knight („Locke“) konzentrieren sich auf wenige Tage rund um Weihnachten auf dem Schloss Ende 1991. Hier entzündet sich der ganze Druck der royalen Etikette wie unter einem Brennglas. Diana kann und will sich dem Protokoll-Terror nicht unterwerfen, sie fühlt sich verfolgt. Zu Recht, denn alles, was sie tut, wird berichtet und der durchgetaktete Tagesablauf ist gnadenlos. Beim kleinsten Fehltritt, d. h. Freiheitfluchtversuch gegen die Zwänge, „Lady-like“ zu sein, werden die Diener und ihr Aufpasser (Timothy Spall) nervös. Es sei alles zu ihrem Schutz vor der Klatschpresse, die sie später in den Tod jagen sollte. Nur die Ankleidedame Maggie (Sally Hawkins) und der Koch ermutigen sie, sich in dieser Enge selbst zu finden. Ungezwungene Momente gibt es mit den beiden Söhnen, die zerrissen sind zwischen gutem Benehmen für die Queen-Oma und ihrer lebhaften Mutter. Auch Noch-Ehemann Charles ist ihr keine Hilfe. Die Stimmung zwischen den beiden hat sich zu diesem Zeitpunkt schon längst abgekühlt, die Entscheidung zur Scheidung steht bevor. Nur einmal versucht er sich und ihre beider Rolle mehr schlecht als recht zu erklären: „Es muss zwei von Dir geben, die echte und die, von der sie Bilder machen. Es ist für die Menschen. Sie wollen nicht, das wir Menschen sind.“

🎬 Trailer | „Spencer“

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Die Amerikanerin Kristen Stewart ist phänomenal in ihrer Darstellung der über- bekannten Medienfigur. Sie dominiert fast jede Szene. Fahrig und nervös, immer in Bewegung, macht sie ihre Quasi-Gefangenschaft in der royalen Rolle und ihr Leiden daran glaubhaft. So löst sich auch der Widerspruch auf, mit einer superreichen Prinzessin Mitleid zu haben. Der Oscar für diese klassische Oscar-Rolle wird ihr schwer zu nehmen sein, das pfeifen die Hollywood-Spatzen seit der Weltpremiere beim Filmfestival in Venedig von den Dächern.

Pablo Larraín beweist nach dem differenzierten Kennedy-Biopic „Jackie“ und dem wilden Meisterwerk „Ema“ erneut, dass er die Subjektivität (weiblicher) Hauptfiguren intensiv auf die Leinwand bringen kann. Kraftvoll und nuanciert zugleich, ist „Spencer“ ein dynamisches Drama mit Anklängen eines sanften, traurigen Psychothrillers. Die medial-historische Realität dient dabei weniger als Vorlage denn als nicht-gezeigte Referenz. Es ist „die Fabel einer wahren Tragödie“, wie es im Vorspann heißt: der Tragödie von Diana Spencer.

Spencer ist ab heute im Kino.


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