Entgeltliche Einschaltung

Neues von Seiten der Gemeinde: In Plastik gegossene Heimatkritik

„Von Seiten der Gemeinde“ hat nach vier Jahren ein neues Album am Start. „Almen aus Plastik“ ist ein Abgesang auf die Tourismus-Idylle.

  • Artikel
  • Video
  • Diskussion (1)
„Von Seiten der Gemeinde“ bei einer Stippvisite im Treibhaus: Das für heute Abend geplante Releasekonzert wurde in den Juni verschoben.
© Böhm

Von Barbara Unterthurner

Entgeltliche Einschaltung

Innsbruck – 2016 veröffentlichten RAF Camora und Bonez MC mit „Palmen aus Plastik“ eines der erfolgreichsten Deutschrap-Alben der letzten Jahre. So erfolgreich, dass zwei Jahre später ein musikalisches Sequel her musste. Klar, die Geschichte vom „Rumflexen“ im aufpolierten Benz und dem Kiez, über dem der Duft von Marihuana hängt, war noch lange nicht auserzählt. Mehr Plastikpalmen mussten her. Die sind auch mindestens so geil wie ein „Meer aus Benzin“.

Derartiges Gepose sucht man bei Von Seiten der Gemeinde (VSDG) vergebens. „Palmen aus Plastik“ ist für das Rap-Trio aus dem Tiroler Oberland höchstens Vorlage für ein Wortspiel. „Almen aus Plastik“, ihr vor Kurzem veröffentlichtes Album, schaut derweil lieber von anderen ab. Konkret bei einer oft beackerten, aber nicht versiegen wollenden Tiroler Inspirationsquelle. Als in der Piefke-Saga die Touristen bemerken, dass die schöne Kulisse bröckelt, war auch das Album geboren, erklärt VSDG-Beatmacher Lukas Ljubanovic vulgo Testa. In „Paradies“ hört man im Originalton: „Die Bäume, die Rehe, die Gämsen – alles ist aus Plastik.“

Man kann sich vorstellen, was jetzt kommt. Das dritte Studioalbum der drei Mittdreißiger Yo!Zepp, Testa und Chrisfader, die seit über zehn Jahren als VSDG unterwegs sind, ist kritisch. Besser noch: bissig. Da kracht Engstirnigkeit genussvoll auf Zeitgeist und Fast-Food-Tourismus auf Freunderlwirtschaft.

📽️ Video | Von Seiten der Gemeinde – Huam kema

Authentisch ist das auch, weil TirolerInnen – das hat bei VSDG Tradition – die Texte mitschreiben. Alle(s) nur geklaut sind die Audioschnipsel in schönstem „Oberlandlerisch“, gefischt aus dem regionalen Fernsehen oder YouTube. Kunstvoll wird das Geplaudere in neue Storys eingewebt. Noch einmal „Paradies“: Von dort tönt ein Tiroler Schmankerl, das Ischgler Pandemiemanagment, Strategie „Alles richtig gemacht“. Während in „Gewaltig“ die Gleichung „gewaltiger Schnea“ + „gewaltiger Lift“ = „gewaltiger Profit“ stets aufgeht. Da fehlt eigentlich nur noch der Luder-Sager.

Das wäre doch zu konstruiert für VSDG, erklärt Testa. Es kommt schon immer auf den Flow an. Bierernst wird’s aber nie. Gerappte Heimatkritik geht auch selbstironisch. Ihren Zungenschlag etwa nehmen VSDG in „K und K“ nur konsequent aufs Korn.

Nach viel kunstvoll Gewitzeltem wird es in dieser LP aber auch düster. Das sonnige „Lignano“ (2017) haben die Tiroler endgültig hinter sich gelassen. Bei Tracks wie „Anna“, der aus der Perspektive der touristischen Hilfskraft rappt, bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Ebenso wie in der „Wolffreien Zone“ (Achtung: Ohrwurm!), in der nicht nur Tier, sondern auch Mensch unerwünscht ist – eben alles, was die Grenze quert.

VSDGs Abgesang auf die Tirol-Idylle wird nicht überall gut ankommen. Reinhören sollten auch Hip-Hop-Unaffine. Weil die LP viele Höhen (und einige Tiefen) hat, aber durchgehend schonungslos ist. Ebenso wie erschreckend aktuell. Das wird es wohl auch noch länger bleiben.

🎵 Hip-Hop. Von Seiten der Gemeinde. Duzz Down San.

Live: Die Releaseparty im Treibhaus wurde auf 11. Juni verschoben.


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung