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„Großvater, du hast gewonnen“: Gedenken an Unvorstellbares in Mauthausen

Israels Außenminister Jair Lapid besuchte am internationalen Holocaust-Gedenktag das ehemalige KZ Mauthausen. Kanzler Karl Nehammer entschuldigte sich für die Morde österreichischer Täter.

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Bundeskanzler Karl Nehammer und Israels Außenminister Jair Lapid gedachten in Mauthausen der Opfer der Nazis, darunter der Großvater Lapids.
© APA/Schlager/BMI

Von Wolfgang Sablatnig

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Mauthausen – Sein Großvater habe ihn geschickt, sagte Israels Außenminister Jair Lapid am Donnerstag in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Der Auftrag von „Béla dem Weisen“, wie ihn die Familie nannte: Sagen, dass die Juden nicht aufgegeben haben: „Sie haben einen starken, freien und stolzen jüdischen Staat gegründet. Die Nazis dachten, sie seien die Zukunft und die Juden wären nur mehr in Museum zu finden. Stattdessen gehört dem jüdischen Staat die Zukunft. Und Mauthausen ist ein Museum.“

Großvater Béla Lampel starb am 5. April 1945 im Außenlager Ebensee, das zum Mauthausen-Komplex gehörte. Einen Monat vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Nazi-Regimes führten die Schergen noch akribisch Buch. In der Sammelmeldung des Lagerarztes ist der Zeitpunkt des Todes mit 9.35 Uhr angegeben. Noch einmal der Beruf: Rechtsanwalt. Offizielle Todesursache: „Akute Herzschwäche“. Bei den meisten Opfern stand eine scheinbar natürliche Ursache, um das wahre Geschehen in den Lagern zu vertuschen.

📽️ Video | Holocaust-Gedenken in Österreich

Lapids Besuch markierte in Österreich den Höhepunkt der Veranstaltungen zum internationalen Holocaust-Gedenktag. Dieser erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Jänner 1945. Die Insassen in Mauthausen mussten bis 5. Mai warten. Viele starben noch oder wurden ermordet, so wie Béla Lampel. Nach Ebensee kamen US-Soldaten überhaupt erst am 6. Mai. Es war das letzte Lager, das befreit wurde.

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Mit Lapid in Mauthausen waren Bundeskanzler Karl Nehammer, Außenminister Alexander Schallenberg, Innenminister Gerhard Karner und Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer (alle ÖVP). „Wir können nicht rückgängig machen, was passiert ist. Wir können uns nur für das von österreichischen Täterinnen und Tätern begangene Unrecht entschuldigen“, sagte Nehammer – für alle Opfer, speziell aber bei Lapid für den Tod seines Großvaters. Die Bundesregierung werde alles tun, um jüdisches Leben in Österreich zu fördern, versprach er. Juden müssten sicher und frei hier leben können.

Das KZ in Oberösterreich war am 5. Mai 1945 befreit worden.
© APA/BMI

Die Versicherung Nehammers gilt auch dem Staat Israel: „Wir werden zusammenstehen, jetzt und in Zukunft“, sagte Nehammer mit Blick auf die österreichische und die israelische Fahne – und umarmte Lapid innig.

Im „Raum der Namen“ wollte Lapid für sich sein. 81.000 Opfer werden dort aufgelistet. Mit dem Namen bekamen sie ihre Würde zurück. „Béla Lampel“ ist hinten links zu finden. Die kleine Inschrift ist alles, was die Angehörigen haben. Ein Grab, an dem sie seiner gedenken könnten, haben sie nicht.

Zuvor hatte der Außenminister das Kaddisch gesprochen, das jüdische Gebet. Dann erzählte er: „Mein Großvater war ein dicker Mann. Sein ruhiger, warmer Atem gab Halt in einer kranken Zeit.“ Er ging auf den Fußballplatz und ins Kaffeehaus. Er liebte seine schöne Frau. „Er hat niemandem Unrecht getan. Er war nicht wichtig. Er hasste niemanden. Er war nur jüdisch.“

Am 19. März 1944 wurde Béla Lampel verhaftet. Sohn Tomislav musste als Zwölfjähriger mitansehen, wie ein SS-Mann den Vater abführte. Später, in Israel, änderte der Nachfahre seinen Namen: Als Josef „Tommy“ Lapid wurde er Journalist und Minister.

Auch Jair Lapid (58) kam über den Journalismus in die Politik. Bei der Parlamentswahl im Vorjahr kam seine Liberale Partei „Jesch Atid“ auf den zweiten Platz. Er ist Außenminister einer breiten Koalition. 2023 soll er das Amt des Regierungschefs übernehmen.

Am Donnerstag war Lapid als Politiker und Enkel in Mauthausen. Er erfüllte den Auftrag Bélas: „Ruhe in Frieden, Großvater. Du hast gewonnen.“

Lehren aus dem Menschheitsverbrechen

Die UNO hat den 27. Jänner als Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum Internationalen Gedenktag für den Holocaust ausgerufen. Das im Süden Polens gelegene Lager gilt als Symbol für den industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden – und Millionen anderen Menschen, die von den Nazis verfolgt wurden, Roma, Homosexuelle und politisch Andersdenkende.

In Wien unterzeichneten Bundespräsident Alexander Van der Bellen sowie Vertreter von ÖVP, SPÖ, Grünen und NEOS und der Roma-Volksgruppe eine von der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) initiierte Erklärung: „Wir alle sind gefordert, Zivilcourage zu zeigen, zu widersprechen, wenn antisemitische, roma­feindliche oder fremdenfeindliche Worte fallen.“

SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner kritisierte die Gegner der Corona-Maßnahmen. Diese Regeln mit totalitärer Politik oder dem Faschismus gleichzusetzen, komme einer Verharmlosung der Nazi-Herrschaft gleich. FPÖ-Chef Herbert Kickl betonte, dass Antisemitismus keinen Platz haben dürfe – und rief auf, „die Demokratie zu festigen und allen Formen aufkeimender autoritärer Tendenzen in Österreich entschieden entgegenzutreten“.

Der Gedenktag wurde international begangen. US-Präsident Joe Biden wandte sich gegen Versuche, die Geschichte zu leugnen oder zu verzerren. UNO-Generalsekretär António Guterres warnte vor neuen Formen von Fremdenfeindlichkeit und Hass: „Auch der Antisemitismus – die älteste und hartnäckigste Form der Stereotypisierung – nimmt wieder zu“, sagte er.

Nach Einschätzung des Jüdischen Weltkongresses verstärkt die Corona-Pandemie den Antisemitismus. „Die Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger: Menschen vergleichen den Holocaust verharmlosend mit Impfungen“, sagte WJC-Präsident Ronald Lauder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. (APA, TT)


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