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„Das Verlorene Paradies“: Wild, das sind immer die anderen

Abdulrazak Gurnah erzählt in „Das Verlorene Paradies“ von einem Schelm, der keine Chance hat.

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Abdulrazak Gurnah erhielt 2021 den Literaturnobelpreis.
© AFP/Akmen

Von Joachim Leitner

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Innsbruck – Er wolle auf die „Hässlichkeit dessen hinweisen, was wir einander zufügen können, und den Lügen und Wahnvorstellungen widersprechen, mit denen wir uns selbst getröstet haben“. Das erklärte Abdulrazak Gurnah, einige Tage bevor ihm im vergangenen Dezember der Literaturnobelpreis überreicht wurde, in seiner sehr lesenswerten Nobel-Lecture.

Als Gurnah die Auszeichnung im Herbst 2021 zugesprochen wurde, war der 1948 im damaligen Sultanat Sansibar geborene und seit Ende der 1960er-Jahre in Großbritannien lebende Autor hierzulande so gut wie unbekannt. Keiner seiner bislang zehn Roman war in deutscher Übersetzung greifbar.

Das ändert sich nun nach und nach. Mitte März wird sein Roman „Ferne Gestade“ (2002) erscheinen. Auch die Übersetzung von „Afterlives“, dem 2020 veröffentlichten bislang jüngsten Buch des Autors, ist in Arbeit. Die Neuauflage von Gurnahs 1994 für den Booker Prize nominiertem Roman „Paradise“ liegt als „Das verlorene Paradies“ bereits vor. Die 1998er-Übersetzung von Inge Leipold wurde leicht überarbeitet und mit einem Glossar samt „Editorischer Notiz“ versehen. Letztere stellt klar, was dieser Tage wohl klargestellt werden muss, dass es sich bei den diffamierenden Bezeichnungen, die im Text fallen, „Wilde“ zum Beispiel, um Figurenrede handelt. Das sollte nach Lektüre des Romans zwar ohnehin klar sein, aber sicher ist sicher.

„Das verlorene Paradies“ spielt am Aufbruch ins 20. Jahrhundert in Ostafrika. Die Europäer, in diesem Fall Deutsche, sind auf dem Vormarsch. Deren rücksichtslose Wildheit verstört jene, die bislang das Sagen hatten. Die wiederum, muslimische Kaufleute und indische Sklavenhändler, gelten den von ihnen als „Wilde“ beschriebenen Bewohnern des Landesinneren als „Wilde“. Kurzum: Wild, das sind immer die anderen. So viel zum Hässlichen, das wir einander antun, und den verlogenen Geschichten, in denen wir Trost suchen. Auch das titelgebende Paradies, das nur im Deutschen literaturhistorisch gewichtig – Stichwort: Milton – verloren ging, ist so eine Wahnvorstellung.

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So wie die Vorstellung, dass Aziz, der sich von Yusuf „Seyyid“, also Herr, nennen lässt, Yusufs Onkel sei. Yusuf ist Azizs Geisel, Pfand für Schulden, die seine Eltern nicht mehr bezahlen konnten. Aber das dämmert Yusuf erst spät. Eine Zeit lang sieht er sich eher als Angestellter oder möglicher Nachfolger des Kaufmanns. „Das verlorene Paradies“ erzählt Yusufs Geschichte. Die Episoden sind bisweilen burlesk, der Erzählton bleibt auch dann tragisch. Aziz wird verschachert, als er zwölf ist. Der Roman zeichnet nach, wie sich sein Bewusstsein entwickelt. Ob die Welt, die er sich erzählt, viel mit der zu tun hat, in der er lebt, ist fraglich. Auch das macht diesen Roman großartig. Mit Aziz bricht Yusuf zu einer Handelskarawane auf. Zu den Wilden natürlich. Sie scheitert katastrophal. Weil die Wilden die Händler zu Wilden erklären. Und weil die Zeit des Karawanenhandels vorbei ist. Alte Abhängigkeiten weichen neuen. Doch auch wenn sich die Ordnungssysteme ändern, das grausame Spiel von Übergriff und Unterdrückung geht weiter. Der auffallend schöne Yusuf weckt zahlreiche Begehrlichkeiten. „Das verlorene Paradies“ ist ein Stück weit Schelmenroman. Aber hier hat der Schelm keine Chance. Am Schluss, im Angesicht einer möglichen Freiheit, dient er sich den neuen Autoritäten an. Die Hunde, sagt er einmal, „wissen, wann sie einen Scheißefresser vor sich hatten“. Zur Sicherheit: Figurenrede. Auch die Vorstellung, sich heroisch über die Verhältnisse zu erheben, enttarnt Abdulrazak Gurnah als Täuschung, die bestenfalls vordergründig tröstet. „Das verlorene Paradies“ ist ein trostloses Buch. Im besten Sinne.

Roman Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies. Aus dem Englischen von Inge Leipold. Penguin Verlag, 333 Seiten, 25,70 Euro.


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