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Vor 50 Jahren: Als Karl Schranz bei Olympia seine Koffer packen musste

Der internationale Sportskandal, nach dem der Skistar aus Tirol bei seiner Heimkehr von 100.000 Menschen in Wien empfangen und am Ballhausplatz bejubelt wurde, ist längst Teil heimischer Sportgeschichte und wird am 31. Jänner 50 Jahre alt.

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Tausende Fans empfingen Karl Schranz (hier am Balkon des Bundeskanzleramtes in Wien) nach seinem Ausschluss von den Olympischen Spielen in Sapporo 1972.
© FRITZ KERN/ÖNB BILDARCHIV/ORF AR

Wien - Heute ist es 50 Jahre her (31.1.1972), dass Karl Schranz von den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo ausgeschlossen wurde. Der internationale Sportskandal, nach dem der Skistar aus Tirol bei seiner Heimkehr von 100.000 Menschen in Wien empfangen und am Ballhausplatz bejubelt wurde, ist längst Teil heimischer Sportgeschichte. Mit dem Abstand eines halben Jahrhunderts rückte nun aber auch die damalige Rolle der Medien in den Blickpunkt.

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Der Anlass für das Ereignis ist gut bekannt. Schranz wurde ein bei einem Fußball-Benefizspiel getragenes Shirt zum Verhängnis, auf dem der Name einer Kaffeemarke abgebildet war. Aus Sicht des damaligen IOC-Präsidenten und dem Skirennsport ablehnend gegenüberstehenden Avery Brundage (USA) widersprach das dem (damaligen) Amateurgedanken. Schranz, dem schon vier Jahre zuvor beim Nebelslalom in Grenoble die sicher geglaubte Goldmedaille unter dubiosen Umständen abhandengekommen war, wurde von den Spielen ausgeschlossen und dadurch neuerlich zur tragischen Figur.

Der Ausschluss des Abfahrts-Favoriten löste nicht nur im österreichischen Olympiateam vor Ort und beim ÖOC Irritationen aus. Annemarie (Moser-) Pröll musste sich mit zweimal Silber begnügen, das einzige Gold holte die Eiskunstläuferin Trixi Schuba. Zuhause in Österreich nahm die Empörung über den Schranz-Ausschluss rasch riesige Dimensionen an bzw. wurde diese täglich durch emotionale Artikel in den Zeitungen und dem Fernsehen befeuert. Die damals aufstrebenden Künstler Andre Heller und Georg Danzer schrieben gar ein Dialekt-Lied mit dem Titel, "Der Karli soll leben", das im Radio auf Dauerschleife lief.

Charakter eines Staatsempfangs

Als Schranz bei seiner Rückkehr am 8. Februar in Schwechat vom damaligen Sportminister Fred Sinowatz (SPÖ) sowie trotz einstündiger Verspätung von tausenden Menschen empfangen wurde, bekam das Ganze spätestens dann Staatsempfangs-Charakter, als der Sportler in einer offenen Dienstlimousine nach Wien gefahren und dabei im Auto stehend von tausenden Menschen bejubelt wurde. Sogar Schulklassen bekamen die letzte Stunde frei, um dem Ereignis beiwohnen und dem vom Balkon des Bundeskanzleramtes winkenden Sportler zujubeln zu können.

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Viele sehen heute darin ein medial inszeniertes Ereignis, das eine in Japan erlittene, nationale Schmach lindern sollte. "Es war Wahnsinn. Aber doch auch das innere Gefühl, Österreich hilft zu dir. Denn es waren Zuschauer da, obwohl du nichts gewonnen hast", erinnert sich Schranz in einer aktuellen ORF-III-Neuproduktion, in der auch ein Stimmungsbild der damaligen österreichischen Gesellschaft gezeichnet wird, an seine damaligen Gefühle.

Ihm selbst dürften aber zumindest Teile des Szenarios auch etwas unangenehm gewesen sein. Auch Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) begab sich damals erst auf die zweite Bitte von Schranz hin ebenfalls auf den Balkon.

Sperre für populistische Zwecke missbraucht

Die Sperre von Schranz sei massiv für populistische Zwecke missbraucht worden, heißt es mittlerweile. Der damalige ORF-Sportchef Thaddäus Podgorski spricht in der Ö1-Radiosendung "Leporello" von einem "patriotischen Taumel", von dem nicht nur Teile der österreichischen Gesellschaft sondern auch der damalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher erfasst worden sei. Die Staatsspitzen hätten vor allem wegen der von Bacher erzeugten "Hysterisierungskampagne" gar nicht anders gekonnt, als Schranz im Bundeskanzleramt zu empfangen. Seine Sportabteilung habe Öl ins Feuer gießen sollen, sagt Podgorski auch in einem Interview mit der Wiener Wochenzeitung "Falter".

"Bacher hat mit seinem Fernsehen und dem Radio gezeigt, was man mit sowas anstellen kann", erklärt Podgorski in dem betreffenden Ö1-Radiobeitrag weiter. "Man hat immer so dahin gesagt, das Fernsehen hat so eine Macht. Jetzt hat man es aber gesehen und gespürt." Kreisky meinte damals, ihm habe die ganze Schranz-Geschichte kalte Schauer über den Rücken gejagt. Bacher, der mit Schranz' Skiausrüster Franz Kneissl gut befreundet war, warf er vor, eine "unbändige Lust" zu haben, "auf der größten Orgel Österreichs so zu spielen, wie es ihm passt".

Der österreichische Politologe und Sportexperte Peter Filzmaier sieht im Rückblick ein gewisses mediales Versagen auch dahin gehend, als man sich völlig auf Schranz fokussiert, die Rolle von Brundage hingegen unterbelichtet blieb. "Der Mann war ein Rassist und Antisemit und mit Schuld, dass die Propagandaspiele von Adolf Hitler 1936 stattfinden konnten. Und dieser Mann wurde später IOC-Präsident. Hierzulande hat damals aber nur interessiert, was er unserem Karli angetan hat", so Filzmaier im APA-Interview.

"Doppelmoral des IOC und des Sports generell"

In diesem kritisiert Filzmaier auch die "Doppelmoral" des IOC und des Sports generell. Denn in Wahrheit habe es damals vor allem im Osten längst Staatsamateure und damit viele hauptberufliche Sportler gegeben. Und die Lebenslüge vom umpolitischen Sport sei objektiv gesehen ohnehin Unsinn.

Der Rest ist wieder gut bekannt. Schranz trat kurz nach dem Ereignis als dreifacher Weltmeister und zweimaliger Gewinner des Gesamt-Weltcups zurück, auch der ÖOC-Vorstand war bald Geschichte. Brundage starb wenige Jahre später. Das strikte Werbeverbot bei Olympia wurde schon vier Jahre später aufgeweicht. Preisgelder bzw. Werbung im Sport sind heute kein Tabu mehr, der Amateurparagraf ist längst Geschichte. Skirennläufer gleichen heute vielmehr rasenden Litfaßsäulen.

Der mittlerweile 83-jährige Schranz half später entscheidend mit, die Alpinski-WM 2001 in seinen Heimatort St. Anton am Arlberg zu holen. Dort lebt Schranz auch heute noch. (APA)


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