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Zum Tod des großen Theatermachers Hans Neuenfels: Gegen den Strich

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Hans Neuenfels.
© APA/Neubauer

Berlin – Nach der Premiere von Tschaikowskis „Pique Dame“ bei den Salzburger Festspielen 2018 konnte man einzelne, aber vehemente Buhs hören. Mit der „Pique Dame“, an der, wer hören und schauen wollte wenig aussetzen konnte, hatte das nichts zu tun. Es ging um den Regisseur. Der hieß Hans Neuenfels und hatte 2001 im Auftrag des scheidenden Festspielintendanten Gerard Mortier die „Fledermaus“ gegen alles gebürstet, was einem Strich nur nahekam: Orlofsky kokste, der Frosch machte im Publikum feiste Geldsäcke aus, es wurde gefummelt und gerammelt, der Skandal war perfekt. Manche zogen dagegen vor Gericht. Neuenfels zog weiter. In Berlin setzte er 2003 Mozarts „Idomeneo“ in Szene und ließ im Epilog nebst anderen auch Mohammed köpfen. Manche Aufführungen fanden unter Polizeischutz statt. Im Oktober 2020 durfte auch in der Wiener Staatsoper gebuht werden. Neuenfels’ viel prämierte „Entführung aus dem Serail“ landete in Österreich – 22 Jahre nach der Premiere in Stuttgart.

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📽️ Video | Theaterregisseur Neuenfels gestorben:

Damit schloss sich für Neuenfels ein Kreis. Er hatte am Max Reinhardt Seminar studiert und dort seine spätere Frau, die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, kennen gelernt. Danach ging Neuenfels nach Paris. Beim Surrealisten Max Ernst, dem er dort durch den Alltag half, habe er gelernt, „in der Welt des Bildes zu leben“. So beschrieb er es 2011 in seinem „Bastardbuch“.

Seine Bilder teilte der Theatermacher mit der Welt. „Regietheater“ wurde das dann genannt. Manchmal, weil man sich für ärgere Injurien dann doch zu fein war. Schon Neuenfels’ Frankfurter „Aida“ (1981) war ein Aufreger: Aida als Putzfrau und ein Triumphmarsch, der die Besiegten mitdenkt. Auch sein „Lohengrin“ stieß 2010 am Grünen Hügel auf Ablehnung. Als die Ratten, die Neuenfels in sein Wagner-Labor setzte, fünf Jahre später aus Bayreuth vertrieben wurden, waren sie Kult.

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Am Sonntag ist Hans Neuenfels, dessen Konsequenz viele provozierte und den die meisten, die mit ihm zu tun hatten, Klaus Rohrmoser zum Beispiel, der 1976 in Bochum „Dantons Tod“ mit Neuenfels machte, als fast schon zu freundlich beschreiben, in Berlin gestorben. Er wurde 80 Jahre alt. (jole)


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