Krieg in Ukraine

Presse zu Russlands Invasion: "Blitzkrieg gescheitert", "Putins Angstmache"

Kommentar in der 'Neuen Zürcher Zeitung': "Am Sonntag spielte Putin mit dem Schrecken eines möglichen Atomschlags. Doch auch ein solcher könnte keine Abkürzung zum Kriegsziel bedeuten, sondern die totale Zerstörung der Welt. Das ist selbst für einen kriegswütigen Putin keine rationale Option."
© Aleksey Nikolskyi via www.imago-images.de

Zahlreiche internationale Tageszeitungen kommentierten die russische Invasion in der Ukraine in ihren Dienstagausgaben. Eine Auswahl.

"El País" (Madrid):

"Der Widerstand der Ukraine und insbesondere ihrer großen Städte gegen die russische Invasion ist ein erster Rückschlag für Putin, der auf einen Blitzkrieg setzte, bei dem die ukrainische Armee schnell überwunden und die Regierung von Wolodymyr Selenskij gestürzt würde. Genau das Gegenteil ist eingetreten, aber es ist zumindest positiv, dass die beiden Regierungen, die sich in diesem ungleichen Krieg gegenüberstehen, erste Gespräche führten und diese in den kommenden Tagen fortsetzen wollen. Moskau wollte einen einseitigen Waffenstillstand der Ukraine, der einer Kapitulation gleichgekommen wäre. Dass die Ukraine dies ablehnte zeigt, dass die Dinge für Putin schlecht laufen.

Putin wird von seinesgleichen künftig als Ausgestoßener behandelt, wie es etwa der Atomdiktator Kim Jong Un oder der Attentäter-Prinz Mohammed bin Salman sind. Selbst das sonst gegenüber Russland so nachgiebige China äußert Unmut angesichts von Putins völliger Missachtung der Souveränität und territorialen Integrität der Ukraine.
"El País" (Madrid)

Die Dringlichkeitssitzung der UN-Vollversammlung ist Ausdruck der zunehmenden internationalen Isolation Putins. Er wird von seinesgleichen künftig als Ausgestoßener behandelt, wie es etwa der Atomdiktator Kim Jong Un oder der Attentäter-Prinz Mohammed bin Salman sind. Selbst das sonst gegenüber Russland so nachgiebige China äußert Unmut angesichts von Putins völliger Missachtung der Souveränität und territorialen Integrität der Ukraine."

"Neue Zürcher Zeitung":

"Mit jedem Kriegstag scheint der Widerstandswille des ukrainischen Volkes weiter zuzunehmen. Das lässt einen langen Kriegsverlauf erwarten mit ständig wachsenden Opfern an Menschen und Material. Zwar verfügt Moskau über furchtbare Waffensysteme, mit denen ganze Städte zerstört und unendliches Leid angerichtet werden können. Doch deren Einsatz würde den Widerwillen im Westen, in der Ukraine und in Russland nur noch steigern und das Regime im Kreml weiter isolieren.

Am Sonntag spielte Putin zudem mit dem Schrecken eines möglichen Atomschlags. Doch auch ein solcher könnte keine Abkürzung zum Kriegsziel bedeuten, sondern die totale Zerstörung der Welt. Das ist selbst für einen kriegswütigen Putin keine rationale Option.

So bleibt Russland allem Anschein nach auf dem Pfad zu einem langen, qualvollen, selbstschädigenden Krieg. Außer dessen Führung kommt doch noch zur Räson und findet selbst einen Ausstieg. Hoffentlich bald."

"de Volkskrant" (Amsterdam):

"Dass jetzt Tabus gebrochen werden, liegt daran, dass Putin getan hat, wovon die EU-Staats- und Regierungschefs dachten (oder hofften), dass er es niemals tun würde: einen umfassenden Krieg in Europa zu entfesseln. Ihre erste erschrockene Reaktion bestand in der Erkenntnis, dass damit die Stabilität ganz Europas in Gefahr gerät. (...) Den großen Worten über die EU als geopolitischem Akteur und Verweisen auf eine "strategische Autonomie" mussten nun Taten folgen. Die Frage ist, wie lange dieses Gefühl von Dringlichkeit anhalten wird. Die Erfahrung lehrt, dass Mitgliedstaaten zurückrudern, sobald die schlimmste Phase einer Krise vorüber ist."

"Washington Post":

"Die nuklearen Drohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin in den vergangenen Tagen (...) sind Taktiken, die darauf abzielen, Angst zu machen und einzuschüchtern. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten müssen Putins Drohgebärden mit Besonnenheit und Wachsamkeit begegnen. Aber jenseits der Rhetorik liegt eine zunehmend besorgniserregende Realität: Russlands Angriff auf die Ukraine hat die nukleare Rüstungskontrolle erneut zurückgeworfen und die Welt unsicherer gemacht. (...)

Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten müssen Putins Drohgebärden mit Besonnenheit und Wachsamkeit begegnen. Aber jenseits der Rhetorik liegt eine zunehmend besorgniserregende Realität: Russlands Angriff auf die Ukraine hat die nukleare Rüstungskontrolle erneut zurückgeworfen und die Welt unsicherer gemacht.
Washington Post

Sowohl Russland als auch die Vereinigten Staaten halten strategische Atomwaffen in Abschussbereitschaft, ein Relikt des Kalten Krieges. Aber die Risiken von Missgeschicken oder Fehleinschätzungen sind kein Relikt und nicht verschwunden. Putin hat einen Akt völliger Torheit begangen, indem er rücksichtslose Nuklearwaffendrohungen in die von ihm geschaffene explosive Mischung in der Ukraine einbrachte."

"Telegraph" (London):

"Da Putin seine Invasion seit Monaten plante, ging man davon aus, dass er die russische Wirtschaft sanktionssicher gemacht hatte, indem er die Abhängigkeit vom Dollar verringerte und Goldvorräte anlegte. Ein großer Teil der Reserven befindet sich jedoch im Ausland, und die Reaktion des Westens war umfangreicher und besser koordiniert, als es Moskau wahrscheinlich vorausgesehen hat.

Bestimmte energiebezogene Transaktionen werden jedoch fortgesetzt. Russland erzielt immer noch Einnahmen aus dem Verkauf von Gas an Europa, die reduziert werden müssen, wenn der Schmerz verstärkt werden soll. Doch Länder wie Deutschland und Italien sind angesichts ihrer Abhängigkeit von russischer Energie nur ungern bereit, eine Beschränkung der Liefermengen hinzunehmen. Nichtsdestotrotz entwickelt sich dies schnell zu einer wirtschaftlichen Katastrophe für Russland, die einige der bekanntesten Geschäftsleute des Landes dazu veranlasst hat, Putins Vorgehen in Frage zu stellen."

"De Standaard" (Brüssel):

"Dass Ukrainer anders als Syrer, Iraker oder Afghanen empfangen werden, ist nachvollziehbar. Ihr Land grenzt an die EU, wir betrachten sie als europäische Mitbürger. Ihr Leid ist leichter zu verstehen, sie wecken mehr Empathie als Menschen, die Tausende von Kilometern entfernt in komplexe Konflikte verwickelt sind. (...)

Dennoch ist der scharfe Kontrast auffallend. Auch die Syrer flohen vor einem blutigen Krieg, auch sie wurden von einem grausamen Diktator unterdrückt und suchten Zuflucht in einem stabilen und sicheren Land. Und auch die Afghanen sind geflohen, weil ihr Land von Gewalt zerrissen wurde und weil die Menschenrechte massiv verletzt wurden. Es ist verständlich, dass die Menschen mehr Empathie für diejenigen empfinden, die ihnen ähnlicher sind. Aber es ist auch ungerecht. Jeder, der vor einem Krieg flieht, sehnt sich nach einem warmen und freundlichen Empfang."

"Nepszava" (Budapest):

"Die Lage wäre (für Moskau) leichter, wenn sich die ursprünglichen Ziele zumindest teilweise erreichen ließen - dann könnte man sagen: na, wir haben gewonnen, wir können wieder nach Hause gehen. Das Problem ist nur, dass eine russlandfreundliche Regierung in der Ukraine ohne russische Truppen keine zwei Tage im Amt bleiben würde. Für die Besatzung und Fremdsteuerung des zweitgrößten Landes in Europa wären hunderttausende Soldaten erforderlich, für seine Befriedung Jahre und Unmengen an Geld. In jederlei Hinsicht wäre dies ein teures Vergnügen. Die Sowjetunion zerbrach an den wesentlich geringeren Kosten ihres Krieges in Afghanistan. Putin kann wiederum nicht darauf verzichten, jemanden eigenen an die Stelle von Selenskyj zu setzen. Denn sonst würde sich vor aller Welt offenbaren, auf welch schwachen Beinen seine Macht steht."

"Le Parisien" (Paris):

"Seit dem Start der Offensive gegen die Ukraine läuft nichts so, wie Wladimir Putin es vorgesehen hatte. Er behält einen starken militärischen Druck, vor allem auf das eingekreiste Kiew, aufrecht, aber das Szenario der Ereignisse, die wir seit einer Woche erleben, entspricht nicht dem, was er geplant hatte. Wie 2014 auf der Krim strebte er eine Blitzinvasion der Ukraine an mit einem schnellen Sturz der Hauptstadt, was das Installieren einer Marionettenregierung ermöglicht hätte. Der starke Widerstand der Bevölkerung aber hat seine Pläne verlangsamt und durchkreuzt. Die Moral der Moskauer Truppen soll mäßig sein. Für die Russen ist es nicht selbstverständlich, Krieg gegen die Ukrainer zu führen."

Seit dem Start der Offensive gegen die Ukraine läuft nichts so, wie Wladimir Putin es vorgesehen hatte. Er behält einen starken militärischen Druck, vor allem auf das eingekreiste Kiew, aufrecht, aber das Szenario der Ereignisse, die wir seit einer Woche erleben, entspricht nicht dem, was er geplant hatte.
Le Parisien (Paris)

"Wladimir Putin hatten auch nicht mit einer so entschiedenen und geschlossenen Reaktion der Europäer gerechnet. (...) Und Europa ist noch weiter gegangen mit der Entscheidung der 27, tödliche Waffen an die Ukraine zu liefern. (...) Mit dieser Krise spielt Brüssel erstmals eine geopolitische Rolle. (...) Putin hat den 27 nicht nur erlaubt, ihren Zusammenhalt wiederzufinden, aber ihm ist es auch gelungen, die NATO aufzuwecken, die (Frankreichs Präsident) Emmanuel Macron vor zwei Jahren noch für "hirntot" befand."

"Pravo"(Prag):

"Niemand hat die Absicht, sich über die Opfer unter den russischen Soldaten zu freuen, die der russische Präsident Wladimir Putin und seine Clique als Kanonenfutter in einen sinnlosen Krieg geschickt haben. Doch der Mut, mit dem sich die Ukrainer gegen die angreifenden Horden verteidigen, weckt Bewunderung. Die Zeit spielt gegen Putin, sowohl auf der internationalen als auch der heimischen Bühne. Die Frage ist, wie lange er seine eigene Bevölkerung noch mit Propaganda über die Notwendigkeit des Krieges und angebliche Kampferfolge in die Irre führen kann. Mit Worten von der Größe Russlands lassen sich die Not des Krieges und die Tausenden Toten nicht lange verschleiern."

"Wall Street Journal" (Washington):

"Noch umfassendere Sanktionen sind immer noch notwendig, weil sie Putins Fähigkeit einschränken werden, seinen Ukraine-Krieg zu finanzieren, insbesondere wenn er mit anhaltendem Widerstand rechnen muss. Diese Verwundbarkeit mag für Putin ein Schock sein, der davon ausging, dass Europas Abhängigkeit von russischer Energie ihn schützen würde. Die Sanktionen des Westens wären stärker, wenn sie auch den Energiesektor umfassen würden, und (ein Öl-Preis von 100 Dollar pro Barrel) bietet dem Kreml ein wirtschaftliches Polster, auf das man abzielen sollte. (...) Nichts davon bedeutet, dass man mit Wirtschaftssanktionen den Ukraine-Krieg gewinnen wird. Dazu braucht man militärische Macht. Sanktionen brauchen Zeit, bis der Schmerz durchdringt, und Putin ist bereit, die Russen lange leiden zu lassen, um seine Ziele zu erreichen. Aber die Sanktionen werden die Finanzierung des Krieges erschweren, und sie erhöhen bereits jetzt die wirtschaftlichen und politischen Kosten, ihn zu führen."

"Pravda" (Bratislava):

"Es wird immer offensichtlicher, dass Wladimir Putin diese schändliche Invasion voraus geplant hat. Doch ist der Plan gescheitert. Putin ist es nicht gelungen, den demokratisch gewählten Präsidenten und die Regierung der Ukraine zu stürzen. (...) Die russische Führung ist dem Irrtum erlegen, dass sich die Hälfte der Ukraine eine "Befreiung" vom Westen wünsche. (...) Ein Verrückter, wie manche behaupten, ist Putin dennoch nicht. Er lebt nur in einer anderen Welt, versunken in die Geschichte und in historischen Wunden wühlend. (...)

Wird der Westen seine Sanktionen wieder aufheben? Wenn nicht, wird die russische Wirtschaft bluten. Dadurch wird Putin erst recht in die Ecke gedrängt und mit der letzten Waffe drohen, die ihm noch bleibt, der Atomwaffe. Denn er hat vergessen, dass Russland keine anderen Machtmittel mehr hat. Damit hat er Russland nicht zu neuer Größe verholfen. Im Gegenteil, er schadet ganz Russland.
"Pravda" (Bratislava)

Viele Diplomaten und Politik-Experten haben schon nach Ende des Kalten Krieges darauf hingewiesen, dass die NATO-Erweiterung kein gutes Ende haben muss. Die Warnungen wurden ignoriert, haben sich aber bewahrheitet. (...) Wird der Westen seine Sanktionen wieder aufheben? Wenn nicht, wird die russische Wirtschaft bluten. Dadurch wird Putin erst recht in die Ecke gedrängt und mit der letzten Waffe drohen, die ihm noch bleibt, der Atomwaffe. Denn er hat vergessen, dass Russland keine anderen Machtmittel mehr hat. Damit hat er Russland nicht zu neuer Größe verholfen. Im Gegenteil, er schadet ganz Russland."

"Neatkariga Rita Avize" (Riga):

"Es besteht kein Zweifel daran, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das russische Finanzsystem fast vollständig isoliert sein wird - trotz der Gegenreaktion des Großkapitals. Denn es ist auch die Reputation, eine vermeintlich immaterieller, aber auch ungemein kritischer Faktor für geschäftliche Transaktionen, die gegen Russland spielt. Putins Ruf in Europa und Nordamerika ähnelt inzwischen dem von Hitler, Saddam Hussein und Baschar al-Assad. Kein seriöser Geschäftsmann oder Politiker will zu den Freunden dieser Gruppe gezählt werden. Da die Entscheidung, das Putin-Regime gnadenlos abzuwürgen, auf informeller Ebene getroffen wurde, wird der Sanktionsdruck auch unabhängig von der militärischen Situation in der Ukraine nur weiter zunehmen.

Den Stimmungsumschwung in der Welt verdeutlichte am besten die Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz am Sonntag im Bundestag, in der er einen radikalen Kurswechsel gegenüber Putins Russland ankündigte."

(APA/dpa)

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