Innsbruck

Innsbrucker Kirchen zeigen Kunst als Medium des Widerstands

Von Klaus Giesriegl gestaltetes Fastentuch in der Innsbrucker Spitalskirche.
© Da Moor

Passionsbilder, wie sie aktueller nicht sein könnten: drei Kunstinstallationen zum Thema Flucht und Vertreibung.

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Bereits zum 22. Mal werden auch in der heurigen Fastenzeit wieder Innsbrucker Kirchen zu Kunsträumen. Neben dem Dom und der Spitalskirche erstmals auch die Universitätskirche St. Johannes. Wo bis Ostern ein von der Tiroler Künstlerin Carmen Brucic gestaltetes „Altarbild“ zu sehen ist, das gerade angesichts der aktuellen Ereignisse in der Ukraine zutiefst berührt. Entstanden ist das zum 4,50 mal 3 Meter großen Digitalprint auf Stoff aufgeblasene Foto im vergangenen Sommer im georgischen Tbilisi, wo Brucic fünf AktivistInnen porträtiert hat, die als Teil der dortigen „Rave Revolution“ tanzend und performend für Freiheit und Gerechtigkeit auf die Straße gehen.

Auch David, den Brucic auf dem Altarbild zum Sinnbild des Leidenden schlechthin stilisiert. Erschöpft von der Verfasstheit der Welt, gelähmt im Zustand der Resignation und gleichzeitig voller Hoffnung, wie das V suggeriert, das sein von seinem zarten Körper abgewinkelter Arm mit diesem bildet. Um sich komplett nackt in seiner ganzen Verletzlichkeit auszuliefern, inklusive seiner Tattoos und Narben, der nur halb verheilten Spuren der Autoaggression auf den Armen von David, der halb Ukrainer, halb Georgier ist. „tired?“ nennt Brucic ihr Bild, das in subversiv zärtlicher Poesie an das widerständige Potential in uns allen appelliert, beseelt vom Wunsch, auf diese Weise gesellschaftliche und politische Veränderungsprozesse anzuzetteln.

Wie ein riesiges Rufezeichen kommt dagegen das Fastentuch daher, das Klaus Giesriegl in die Spitalskirche gehängt hat. „lost?“ ist die Frage, die hier gestellt wird, verdichtet zu einer zarten, hyperrealistischen Tuschzeichnung, die letztlich nichts anderes als einen in einem Stacheldrahtzaun hängen gebliebenen Turnschuh zeigt. Als Metapher für verloren gegangene Freiheit, fehlende Perspektiven.

Das Sujet basiert auf einem Bild des belarussischen Pressefotografen Victor Tolochko, die menschlichen Tragödien auf den Punkt bringend, die sich an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland abspielen. Beliebig austauschbare Bilder angesichts der aktuellen Geschehnisse vor unserer Haustür und an diversen anderen Krisenorten der Welt. Dass die Holzasche, mit der Giesriegl die übrige Leinwand wolkig grundiert hat, aus dem offenen Kamin des Künstlers stammt, ist alles andere als zufällig.

„tired?“, fragt Carla Brucic in der Johanneskirche.
© De Moor

21 Jahre lang hat es auf Betreiben von „Kunstraum Kirche“ in jeder Fastenzeit mehr oder weniger spektakuläre Installationen zeitgenössischer Kunst im Innsbrucker Dom gegeben. Heuer wurde erstmals kein Künstler/keine Künstlerin eingeladen, sich etwas zum Thema einfallen zu lassen. Stattdessen wurde das „Mariahilfbild“ von Lucas Cranach „displaced“, indem es seiner prachtvollen Rahmung durch den „Silberaltar“ beraubt und zum Philipp-Neri-Seitenaltar des Doms übersiedelt wurde. Kombiniert mit vier Zeichnungen von Michael Hedwig, in denen sich der Künstler dem Gnadenbild annähert. Als Ersatz dafür, dass nun „als Sinnbild für die Leere durch den Verlust der Mitte christlichen Glaubens“ (Propst Florian Huber) am Hochaltar ein großes schwarzes Loch klafft, kommt man dem durch dickes Panzerglas gesicherten Gnadenbild nun allerdings so nah wie seit Langem nicht.

Alle drei Kunstinterventionen werden heute im Rahmen von Gottesdiensten präsentiert: Spitalskirche 12.15 Uhr, Johannes- und Dom 19 Uhr.

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