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„Behindert ist, wer nicht lieben kann“

Tina Hötzendorfer (l.) und Marianne Hengl im Gespräch über das Leben und Lieben.
© Die Fotografen

Marianne Hengl und Tina Hötzendorfer sind körperlich beeinträchtigt und im Rollstuhl voller Power unterwegs. Ändert die Behinderung ihr Geschlecht? Ihren Wert? Ihre Bedürfnisse?

Marianne: Es ist ein tägliches Outing, ein ständiges Sich-bestätigen-Müssen à la Rolli-Frau. Siehst du das auch so?

Tina: Ja. Mit einer Behinderung wird man außerdem nicht mehr so als Frau wahrgenommen, diese schmerzliche Erfahrung hab ich nach meinem Unfall gemacht. Dabei ist es umgekehrt. Wir sind Frauen, die Behinderung ist nur ein Zusatz, aber sie ändert nichts am Geschlecht. Dass man auf die Behinderung reduziert wird, ist traurig.

Nur echtes Interesse am Menschen zählt

Marianne: Meine Behinderung habe ich von Geburt an, du hattest vor deinem Unfall aber ein Leben ohne Einschränkungen. Wie hat das männliche Geschlecht auf dich als Rollstuhlfahrerin reagiert?

Tina: Tatsächlich ist die Behinderung in diesem Fall oft von Vorteil, weil sie eine Art Vorselektion ermöglicht. Wenn sich Männer für mich interessieren, dann sind das von vornherein Menschen mit ganz anderen Werten. Das Reduzieren auf Fraulichkeit im negativen Sinn fällt dadurch so gut wie weg, es geht um echtes Interesse an mir als Mensch.

Mich bestürzt die Ansicht, dass man als Mensch mit Behinderung kein Anrecht auf Liebe hat.“

Tina Hötzendorfer

Marianne: (schmunzelt) Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass wir für viele Menschen als psychologische Stütze gesehen werden. In meiner Jugendzeit betrachtete ich mich oft in den Discos als „seelischer Papierkorb“.

Tina: (lacht) Das erlebe ich auch. Es kommen oft Fremde zu mir, klopfen mir auf die Schulter und erzählen mir dann von ihren Problemen. Eine offensichtliche Behinderung animiert Menschen wohl dazu, ihr Herz auszuschütten. Ich empfinde das nicht als negativ, nur manchmal als etwas merkwürdig.

Marianne: Mich hat das teilweise schon verletzt. Irgendwie fühlte ich mich benutzt. Die Reduktion auf meine Behinderung hat mir schon zu schaffen gemacht. Als ich mich dann das erste Mal verliebte, hatte ich Panik. Ich musste ja selbst erst einmal lernen, meinen Körper anzunehmen und zu lieben. Das war schon eine große Challenge. Heute bin ich 26 Jahre verheiratet. Stefan hat sich in meine Fröhlichkeit verliebt.

Marianne mit ihrem Kernteam Andrea Lindne­r und Jurji Pfauser.
© Die Fotografen

Frau, Mutter, Geliebte und Unternehmerin

Tina: Bei mir war das auch ein langer Prozess – wieder zu mir selbst zu finden und mich lieben zu lernen. Damit habe ich immer noch Probleme, aber das geht wohl jeder Frau so. Vertrauen zuzulassen war nicht einfach, aber als ich es gewagt habe, war es wunderschön. Die Beziehung mit meinem Verlobten Richi ist etwas Besonderes. Ohne mein­e Behinderung wäre das in der Tiefe vielleicht gar nicht so erlebbar.

Marianne: Wenn ich mein­e berufliche Karriere Revue passieren lasse, fällt mir auf, dass ich in meinem Werdegang großteils von Männern unterstützt wurde – seltener von Frauen. Vielleicht fehlt es an Solidarität unter Frauen. Anstatt einander zu unterstützen, habe ich manchmal das Gefühl, dass Frauen regelrechte Machtkämpfe gegeneinander ausfechten. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einer Dame, die am Telefon nicht bemerkte, dass ich im Rollstuhl sitze. Als sie es dann beim Termin feststellte, fragte sie mich bestürzt, in welcher Einrichtung ich betreut würde. Zu diesem Zeitpunkt war ich fünf Jahre verheiratet, das sagte ich ihr auch. Ihre Reaktion darauf habe ich nie vergessen. Sie meinte ziemlich zweideutig: Wie kann es sein, dass jemand wie Sie einen Mann hat, einen gesunden, während ich keinen habe, und ich schau doch wirklich nicht so schlecht aus?

Tina mit ihrem Verlobten Richard und Sohn Elias.
© Die Fotografen

Tina: Das finde ich schlimm. Was mich am meisten bestürzt, ist die Ansicht von manchen, dass man als Mensch mit Behinderung nicht liebenswert ist oder kein Anrecht mehr auf Liebe hat. Oder darauf, Mutter zu sein. Viele freuen sich für uns über unseren Sohn. Aber es ist auch Skepsis da. Wie geht das, wie kann das funktionieren? Da war ich mit extrem diskriminierenden Kommentaren konfrontiert.

Marianne: Dabei sollte es umgekehrt sein. Wir beide stellen uns täglich den enormen Herausforderungen. So wollen wir auch mit Respekt und Wertschätzung gesehen werden: als starke Frauen, Mütter, Geliebte, Ehefrauen, Unternehmerinnen – als unverzichtbare Frauen der Gesellschaft.

ZU DEN PERSONEN

Tina Hötzendorfer (geb. 1986) lebt mit ihrem Verlobten und ihrem Sohn in St. Johann. Mit 21 Jahren verunglückte sie beim Snowboarden und ist seitdem querschnittsgelähmt. 2014 gründete sie ihr Unternehmen Rollin’Art (www.rollinart.at), in dem heute neun MitarbeiterInnen beschäftigt sind.

Marianne Hengl, mit einer Gelenksversteifung an allen vier Gliedmaßen 1964 geboren, ist Buchautorin, Initiatorin der ORF-III-TV-Sendung „Gipfel-Sieg“, Initiatorin und Co-Moderatorin der ORF-Tirol-Radiosendung „Stehaufmenschen“ und hat als Geschäftsführerin von RollOn Austria die größte Lobbygruppe für Menschen mit Behinderungen in Österreich aufgebaut. Seit 2021 moderiert sie die TT-Online-Serie LICHTblicke & WEGweiser.

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