Krieg in der Ukraine

Die Angst vor der atomaren Gefahr: Was Experten sagen

IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi erklärt bei einer Pressekonferenz die Lage der Reaktoren und des Gebäudes, das gebrannt hat.
© AFP/Klamar

Der Brand in einem ukrainischen AKW nährt die Sorgen wegen freigesetzter Radioaktivität. Wie gefährlich ist die Lage wirklich? Experten antworten.

Wien, Berlin – Der russische Angriff auf Europas größtes Atomkraftwerk und der folgende Brand von Freitagnacht hat keine Strahlung freigesetzt, wie alle Seiten betonen. Um sicherzugehen, dass auch weiterhin kein Risiko vom AKW Saporischschja ausgeht, will der Generaldirektor der Atomaufsichtsbehörde IAEA, Rafael Grossi, persönlich dorthin reisen, um das 1000 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernte Kraftwerk zu inspizieren.

Was kann ein Militärangriff auf ein AKW anrichten?

Für den Risikoforscher Nikolaus Müllner ist ein Kampf um ein AKW durchaus beunruhigend. Denn die Kraftwerke seien nicht auf einen militärischen Konflikt ausgelegt. Bei der Risikoeinschätzung für ein Atomkraftwerk würde jedenfalls eine lange Liste abgearbeitet, etwa hinsichtlich allerlei Naturgefahren – eine kriegerische Auseinandersetzung stehe allerdings nicht auf der Liste, erklärt Müllner. „Bleibt das Kraftwerk intakt, hat es Sicherheitssysteme, die auch automatisch anspringen und agieren“ – auch ohne menschliches Zutun.

Der Atomtechniker Sebastian Stransky von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) erklärt, der Reaktor werde von einer Stahlbetonhülle geschützt, der den Absturz eines kleinen Flugzeugs aushalten könne.

Was ist der wunde Punkt bei einem AKW?

Das ist die Kühlung der Brennstäbe, damit es zu keiner Kernschmelze kommt. Diese Gefahr bestehe hier nicht unmittelbar, weil nur ein Schulungsgebäude zerstört wurde, heißt es übereinstimmend. Laut Müllner übernehmen in Saporischschja nun vermutlich die Notstromaggregate die Nachkühlung der Reaktoren. Das alles funktioniere bis zu einem gewissen Grad automatisch. Dazu müssten aber die Sicherheitssysteme weitgehend funktionsfähig bleiben. Es darf bei einem Reaktor nicht passieren, dass diese Systeme bei Kämpfen beschädigt werden und nicht zur Verfügung stehen. Verliert man den Netzanschluss und den Notstrom, „habe ich eine Situation wie in Fukushima“.

Wie sicher sind die ukrainischen Kernkraftwerke?

Atomtechniker Stransky betont, dass in den vergangenen Jahren viel für die Sicherheit der ukrainischen Anlagen unternommen wurde. Die Ukraine habe nach Fukushima auch freiwillig am AKW-Stresstest der EU teilgenommen. Müllner sagt, dass der Reaktor-Typ in Saporisch-schja ein ganz anderer sei als in Tschernobyl, und verweist auf die Stahlbetonhülle.

Wie soll man sich verhalten, wenn es doch zu erhöhter Radioaktivität kommt?

Im Falle der Beschädigung eines AKW durch kriegerische Handlungen sollten vor allem die Informationen durch die Behörden beachtet werden, die über Rundfunk, soziale Medien, lokale Hilfsorganisationen, etc. rasch die breite Bevölkerung erreichen. Österreich habe auch genug Kaliumjodid-Tabletten bevorratet, um besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen zu versorgen.

Macht es Sinn, vorbeugend Kaliumjodidtabletten einzunehmen?

Nein, ganz im Gegenteil. Die Österreichische Gesellschaft für Nuklearmedizin und Molekulare Bildgebung warnt sogar eindringlich davor. „Eine falsch dosierte selbst verordnete Einnahme von Jod ist mit möglichen ernsten Gesundheitsrisiken verbunden, ganz besonders für Säuglinge und Kleinkinder“, informierte die Organisation gestern einmal mehr in einer Aussendung. (APA, dpa, sta)

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