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Kiew: Russen beschießen Evakuierungsroute für Mariupol

Russland hatte eine Feuerpause in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine verkündet und die Einrichtung von humanitären Korridoren aus fünf belagerten Großstädten bekanntgegeben. In Mariupol soll die Feuerpause nicht eingehalten worden sein. Nur in der nordostukrainischen Stadt Sumy funktionierte der Fluchtkorridor offenbar.

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Ein zerstörtes Haus in der Hafenstadt Mariupol (Archivfoto vom 3. März).
© APA/Ärzte ohne Grenzen

Kiew, Moskau, Genf – Russische Streitkräfte haben nach Angaben der ukrainischen Regierung eine Evakuierungsroute für die belagerte Hafenstadt Mariupol unter Beschuss genommen und damit gegen eine vereinbarte Feuerpause verstoßen. Russland hatte zuvor eine Feuerpause in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine verkündet und die Einrichtung von humanitären Korridoren aus fünf belagerten Großstädten bekanntgegeben. Nur in der nordostukrainischen Stadt Sumy funktionierte der Fluchtkorridor offenbar.

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📽️ Video | Fluchtkorridore weiter unter Beschuss

Hunderte Einwohner fuhren nach einer Feuerpause in einer Fahrzeugkolonne aus Sumy. Zuvor starben dort bei russischen Angriffen in der Nacht nach Behördenangaben mindestens 21 Menschen, darunter zwei Kinder. Sumy liegt nur etwa 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Seit Tagen wird die Stadt von russischen Truppen angegriffen. Zuvor hatte die ukrainische Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk angekündigt, dass in Sumy eine Waffenruhe von 9.00 bis 21.00 Uhr Ortszeit (8.00 bis 20.00 Uhr MEZ) gelten werde. In Sicherheit gebracht würden auch Hunderte Studenten aus China und Indien.

Für andere eingeschlossene Städte wie Mariupol oder Wolnowacha in der Ostukraine scheiterten in den vergangenen Tagen mehrere Versuche zur Einrichtung eines derartigen "grünen Korridors". Beide Seiten warfen sich gegenseitig Sabotage vor. Angaben über russische Angriffe auf flüchtende Menschen entsprechen aus Sicht der NATO der Wahrheit. "Es gibt sehr glaubwürdige Berichte, dass Zivilisten bei der Evakuierung unter Beschuss geraten", sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg.

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Die russischen Kräfte hätten das Feuer um 8.00 Uhr MEZ eingestellt, teilte das Verteidigungsministerium des Aggressorstaates nach Angaben der Agentur Interfax mit. Russland habe zudem Korridore für Zivilisten aus den Städten Kiew, Tschernihiw, Sumy, Charkiw und Mariupol eingerichtet.

Acht Lastwagen und 30 Busse seien bereit, humanitäre Hilfe nach Mariupol zu liefern und Zivilisten nach Saporischschja in Sicherheit zu bringen, hatte der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Oleg Nikolenko, getwittert, ehe von Beschuss die Rede war. Nikolenko forderte: "Der Druck auf Russland muss erhöht werden, damit es seine Verpflichtungen einhält.

Mit Bussen sollen die Menschen aus Mariupol geholt werden.
© IMAGO/Dmytro Smolyenko

Russland hatte das Nachbarland Ukraine am 24. Februar angegriffen. UNO-Angaben zufolge wurden mehr als 400 Zivilisten getötet. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht.

Lage in Mariupol laut Helfern katastrophal

Für Hunderttausende Menschen in Mariupol ist die Lage nach Angaben humanitärer Helfer katastrophal. "Die Situation ist apokalyptisch", sagte IKRK-Sprecher Ewan Watson am Dienstag in Genf. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) stehe bereit, den Abzug der Zivilisten zu ermöglichen, die aus der Stadt wollen, sagte Watson. Russland und die Ukraine hätten die Bedingungen dafür aber noch nicht geschaffen. "Wir versuchen verzweifelt, den Dialog zu ermöglichen", sagte Watson. In der Stadt gingen alle Vorräte zur Neige. Das IKRK habe sämtliche Bestände ausgeliefert und versuche, auf allen möglichen Wegen Nachschub ins Land zu bringen.

Watson betonte, dass das IKRK nicht von "humanitären Korridoren" spricht, sondern von "sicherem Geleit" (safe passage). Dafür sei eine detaillierte Vereinbarung zwischen den Konfliktparteien nötig, in der praktische Details geklärt seien. Eine Voraussetzung sei, dass die Menschen die Reise freiwillig antreten und dass sie an einen sicheren Ort gebracht werden. Die Frage, ob Russland als sicherer Ort anzusehen sei, wollte Watson nicht beantworten.

📽️ Video | Rotes Kreuz über Mariupol: "Situation ist apokalyptisch"

Ein technisches Team des UNO-Nothilfebüros (OCHA) ist in Moskau, um Behörden, darunter dem Verteidigungsministerium, bei der Einrichtung sicherer Wege für Zivilisten und humanitäre Konvois in der Ukraine zu helfen. Das Team gebe zudem Standorte von Lagerhäusern für humanitäre Güter bekannt, um versehentliche Angriffe zu vermeiden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) forderte angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine einen besseren Schutz für Krankenhäuser. "Es versteht sich von selbst, dass Gesundheitspersonal, Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen niemals zu einem Ziel werden dürfen, auch nicht während Krisen und Konflikten", sagte Europa-Regionaldirektor Hans Kluge am Dienstag in Kopenhagen. Bisher seien 16 Berichte über Attacken auf das Gesundheitswesen bestätigt worden. Weitere würden überprüft, so Kluge: "Die WHO verurteilt diese Angriffe auf das Schärfste."

Die Zahl der Flüchtlinge aus der Ukraine könnte UNO-Angaben zufolge demnächst die Schwelle von zwei Millionen überschreiten. "Ich denke, dass wir heute oder spätestens morgen die Zwei-Millionen-Marke überschreiten werden. Es hört also nicht auf", sagte der Chef des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR), Filippo Grandi, am Dienstag in Oslo.

Die NATO geht davon aus, dass Angaben über russische Angriffe auf flüchtende Menschen in der Ukraine der Wahrheit entsprechen. "Es gibt sehr glaubwürdige Berichte, dass Zivilisten bei der Evakuierung unter Beschuss geraten", sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag bei einer Pressekonferenz mit Lettlands Präsidenten Egils Levits in Riga. "Zivilisten ins Visier zu nehmen, ist ein Kriegsverbrechen, und es ist vollkommen inakzeptabel", ergänzte der Norweger. Man brauche richtige humanitäre Korridore, die uneingeschränkt respektiert würden. (APA/Reuters/dpa)

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