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Ex-Spitzendiplomat Petritisch: „Diplomatie darf nie enden“

Der frühere österreichische Spitzendiplomat Wolfgang Petritsch über die Suche nach Auswegen aus Putins Krieg.

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Anfang Februar versuchte Frankreichs Präsident Macron Kremlchef Putin von einem Krieg abzuhalten. Er ist gescheitert, will aber nicht aufgeben.
© Imago

Innsbruck – Wolfgang Petritsch sprach Dienstagabend im Rahmen der Christoph Probst Lecture an der Universität Innsbruck auch über den Angriffskrieg Putins auf die Ukraine, der die Säulen der europäischen Friedensordnung erschüttert. Und betonte im Gespräch mit der TT, dass die Suche nach diplomatischen Lösungen auch in diesem Krieg nie enden darf.

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Sehen Sie als Spitzendiplomat, der in zahlreichen internationalen Krisen schon vermittelt hat, inmitten des Angriffskriegs auf die Ukraine noch einen Ausweg? Gibt es noch die Chance für Diplomatie?

Wolfgang Petritsch: Ich erinnere mich noch an das letzte Gespräch mit dem früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic in Belgrad wenige Stunden vor dem Beginn der NATO-Intervention im März 1999. Der hatte damals schon mit allem abgeschlossen. Und hier orte ich eine große Gefahr auch in diesem Krieg. Noch dazu, da im Gegensatz zu Jugoslawien Russland eine Atommacht ist. Wenn sich Russlands Präsident Putin ganz ins Eck gedrängt fühlt, steigt die Gefahr, dass die Eskalation aus dem Ruder läuft.

Die diplomatischen Bemühungen dürfen nicht aufgegeben werden. Die Versuche des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und auch jene Israels und der Türkei sind ganz wichtig, sie müssen dann aber auch zusammenfließen. Man darf nicht sagen, weil ich scheitern könnte, will ich nicht mehr verhandeln. Man muss alles unternehmen, auch das Scheitern wagen, denn eine Beendigung des Krieges in der Ukraine scheint sonst außer Reichweite. In einer Kriegssituation wird das Miteinander-Reden oft als Schwäche interpretiert. Aber es ist genau umgekehrt. Der vermeintlich Starke ist der eigentlich Schwache. Und das ist in diesem Krieg Wladimir Putin.

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Ist das Prinzip Wandel durch Handel in Bezug auf Russland gescheitert?

Petritsch: Das glaube ich nicht. Dieser Krieg ist der Krieg Putins und nicht der Krieg aller Russen. Jetzt werden die engen wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen dem Westen und Russland gekappt. Das ist als Reaktion auf den Angriffskrieg auch richtig. Doch die Sanktionen können nur Teil eines größeren Ganzen sein. Sie können nur Mittel sein, um ein Ziel zu erreichen, das politisch ausgehandelt werden muss.

Putins Krieg in Europa und der historische Kurswechsel etwa in der deutschen Sicherheitspolitik als Reaktion darauf wird als Zeitenwende in Europa interpretiert. Wohin kann und muss Europa gehen?

Petritsch: Mit dem 24. Februar ist ein Abschnitt in der europäischen Geschichte zu Ende gegangen. Europa hat sich das Friedensprojekt als Antwort auf die verheerenden Kriege auf dem Kontinent auf die Fahnen geschrieben. Europa wurde zur Großmacht der Soft Power, Europa wurde zum Hort des Wohlstandes. Und daran gibt es nichts zu kritisieren. Doch heute reicht die Soft Power alleine nicht mehr aus – und das ist für friedensbewegte Menschen ein schwerer Gewissenskonflikt, das ist für das zuletzt pazifistisch ausgerichtete Deutschland wirklich eine dramatische Wende. Kurzfristig geht es jetzt vor allem um die Bewältigung der ungeheuerlichen humanitären Krise, der größten Fluchtbewegung auf unserem Kontinent seit dem Zweiten Weltkrieg. Europa hat da in kurzer Zeit unheimlich viel erreicht und spricht mit einer Stimme. Da ist viel zusammengewachsen.

Das Gespräch führte Christian Jentsch

Zur Person

Wolfgang Petritsch war unter anderem EU-Chefverhandler bei den Kosovo-Friedensverhandlungen, Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, österreichischer Botschafter bei der UNO in Genf und bei der OECD in Paris. Er ist Präsident des Österreichischen Instituts für Internationale Politik.


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