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Christoph W. Bauer: Fragen eines lesenden Abenteurers

In seinem neuen Gedichtband „an den hunden erkennst du die zeiten“ schwört Christoph W. Bauer dem allzu Gewisshaften gewissenhaft ab.

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Christoph W. Bauer wurde für seine Werke vielfach ausgezeichnet, 2021 etwa erhielt er den Preis für künstlerisches Schaffen der Stadt Innsbruck.
© Böhm

Innsbruck – Gedichte, sagt der Witzbold, erkennt man am vielen Weißraum, der das bisschen Text umgibt. Und rein optisch, versteht sich, sagt der Witzbold Wahres. Will er ernst genommen werden, der Witzbold, schiebt er nach, dass der viele Weißraum Resultat sprachlicher Verdichtung sei – und reimt, Witzbold bleibt Witzbold, Würze auf Kürze. Spätestens dann möchte man den Witzbold zum Lyriklesen zwangsverpflichten – und lässt es doch lieber bleiben: Die Lyrik hat es so schon schwer genug. Das mit dem Verdichten jedenfalls greift ein Stück weit zu kurz, denn im Dichten steckt die Diktion, die Kunst, sich auszudrücken also. Auch diese Kunst ist immer Suche – und besonders kunstvoll ist sie, wenn sie das Suchen suchend mitdenkt.

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Das ist bei Christoph W. Bauers Lyrik seit jeher der Fall. Mit „an den hunden erkennst du die zeiten“ hat der Innsbrucker Autor dieser Tage einen neuen Gedichtband vorgelegt. Auch diesmal schenkt Bauer den Lesenden, die sich mit ihm auf den Weg und auf die Suche machen, Weißraum, der gefüllt werden will: Mit Notizen und Informationen, die man sich lesend erarbeitet. Natürlich lassen sich die Gedichte auch ohne Nachschlagen und Hinterhergoogeln verstehen. Wirklich erschließen lässt sich das, was die Verse umtreibt, aber erst, wenn man auch den Hinweisen, die Bauer auslegt, folgt. Diese Aufforderung zum aktiven Mitlesen ist in Zeiten von Verlustierungssehnsucht und quasi-verordneter Niederschwelligkeit eine Provokation. Sie macht Bauers Lyrik buchstäblich aufregend. Gerade weil sie die Leserin, den Leser, in die Pflicht nimmt, weil diese Texte ernst genommen werden wollen, um in ihrer Fülle fassbar zu sein, ist „an den hunden erkennst du die zeiten“ ein Geschenk.

Die in sieben Zyklen geordneten Gedichte öffnen die Augen. Vor allem aber befeuern sie das Hirn. Man will dem, worüber Bauer nachdenkt, dem, das er das „Ich“ denken lässt, hinterherdenken. Man will ihre Zweifel teilen. Denn, obwohl man den Titel des Buches als Gewissheit lesen kann, „an den hunden erkennst du die zeiten“ ist ein Buch des Zweifels. Schon in den ersten Gedichten, in „schluss mon frere das ist ein anfang“ und „allemal ich habe keine ahnung aber davon viel“, wird dem allzu Gewisshaften gewissenhaft abgeschworen – und die „experten für alles in lärmigen zeiten“, die siegesgewiss zwischen Kälte und Schmalz changieren, werden vorgeführt. Nein, mit Allerweltsweisheit oder Betroffenheitsbeschwörung wird hier niemand abgespeist. Und mit einfachen Antworten, die viel behaupten, aber nichts und niemanden belasten, schon gar nicht. Die liefern Meinungslieferanten derzeit immer und überall frei Haus. Vielleicht sucht das „Ich“ in diesen Texten auch deshalb das Weite: Geografisch etwa geht es von Wattens bis – „thalatta thalatta“ – ans Meer bei Trapezunt oder ins antike Caesarea – und von dort zurück in die Wachau. Und unterwegs öffnen sich literarische Landschaften: vom mittelalterlichen „Rolandslied“ über den raunenden Kafka zu Gert Jonke, dessen „grammatik der äcker“ Bauer mit „wie aufhören und wo oft ging er“ hochleben lässt. Nie ist dieses Spiel im und mit dem Palimpsest der Weltliteratur Selbstzweck oder eitler Ausweis besserer Bildung. Es ist vielmehr eine Einladung, sich den Fragen dieses lesenden Abenteurers zu stellen, sich mit ihm ins Abenteuer zu stürzen.

Der Grundton, den Christoph W. Bauer in seinen neuen Gedichten anschlägt, ist dunkel, aber nie frei von Hoffnung. Manchmal blitzt Witz auf, in „der gute mensch von nebenan“ brennt er lichterloh. Trotzdem gilt, was einem besonders formstrengen Zwölfzeiler seinen Titel gibt: „jetzt lach doch du ich mach keine witze“. Noch mehr aber gilt, was einem auf der 89. von 101 Seiten entgegengerufen wird: „lies lies lies/nichts läuft dir davon nicht einmal die zeit“. Im besten Fall lässt sich dadurch der eine oder andere Hund erkennen. Und an den Hunden die Zeiten.

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Gedichte

Christoph W. Bauer: an den hunden erkennst du die zeiten. Haymon, 101 Seiten, 19.90 Euro.


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