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„Parallele Mütter": In einer Lüge kann man sich nicht einrichten

Pedro Almodóvar gräbt in „Parallele Mütter“ in Spaniens Zeitgeschichte – und erzählt von der zersetzenden Kraft des Schweigens.

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Eine Schicksalsbeziehung auf verschiedenen Ebenen: Milena Smit und Penélope Cruz in „Parallele Mütter“.
© Fotohinweis

Innsbruck – Als Fotografin verbietet sich Janis (Penélope Cruz) alles offensiv Vordergründige. Obwohl sie für ein Hochglanzmagazin arbeitet und auf ausgestellten Oberflächen ablichtet. Den Redakteurseinfall, den Forensiker Arturo (Israel Elejalde) mit Totenkopf in Hamlet-Pose zu fotografieren, ignoriert sie.

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Und privat hält sie es ähnlich. Wobei „privat“ das falsche Wort ist. Weil ihr großes Vorhaben zwar ein familiäres ist, aber weit darüber hinaus geht. Janis will eines der zahllosen Massengräber aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) öffnen lassen. Das offizielle Spanien hat sich lange gegen die Aufarbeitung der Geschichte gesträubt. Bis heute wird über Krieg und Franco-Faschismus vornehmlich geschwiegen. Die Zahl der im Bürgerkrieg ermordeten politischen Gegner Francisco Francos, dessen Diktatur bis 1975 währte, wird auf 140.000 geschätzt. Einer davon war Janis’ Urgroßvater. Arturo verspricht, sich um die Sache zu kümmern. Es wird dauern. Erinnerungspolitik ist gerade in Spanien eine Frage des Geldes. Öffentliche Mittel für Grabungen in der Zeitgeschichte gab es lange nicht. Wirklich fließen wollen sie noch immer nicht. Sie tröpfeln bestenfalls.

Das ist die eine Geschichte, die der inzwischen 73-jährige, vielfach ausgezeichnete spanische Autorenfilmer Pedro Almodóvar in seinem neuen Film „Parallele Mütter“ erzählt. Die zweite ist die von Janis’ ungeplanter Schwangerschaft und der zarten Freundschaft, die sich mit der ebenfalls schwangeren Ana (Milena Smit) entwickelt. Ana ist halb so alt wie Janis, sie hadert mit der Schwangerschaft. Aus gutem Grund, wie irgendwann enthüllt wird. Zur seltsamen Schicksalsgemeinschaft werden Janis und Ana aber durch etwas ganz anderes: Im Krankenhaus dürfte etwas passiert sein, was man nur allzu gern ins Reich urbaner Mythen schieben möchte.

Parallele Mütter

Ab 12 Jahren. Ab heute in den Kinos.

So ziemlich jedem anderen Drehbuchschreiber hätte man diesen Rückgriff auf das Abgeschmackteste wohl um die Ohren gehauen. Aber bei Almodóvar weiß man sich auch dann in besten Händen, wenn sich das, was er erzählt, kaum glauben lässt. Was in „Parallele Mütter“ auch daran liegt, dass es nicht um diese doch ziemlich zentrale, von Begierden und Betrug gerahmte Plot-Volte geht, sondern um das emotionale Chaos, das sie in Gang setzt. Janis könnte ihren bald gut belegten Verdacht verschweigen – und sich in einer schmucken Lüge einrichten. Eine Zeit lang tut sie das auch. In diesem Schweigen und der Erkenntnis, dass Schweigen kein Ausweg ist, finden die beiden Erzählebenen von „Parallele Mütter“ zusammen: Irgendwann kommen auch die besonders tief vergrabenen Geheimnisse ans Licht. Irgendwann müssen sie ans Licht kommen. Sonst fressen sie alles und jeden von innen auf.

„Parallele Mütter“ ist ein hinreißender Film. Almodóvar inszeniert Erdenschweres federleicht, Penélope Cruz wurde für ihre souveräne Darstellung beim Filmfestival von Venedig ausgezeichnet, für den Oscar ist sie nominiert. Der Vorspann kündigt an, dass der Film in näherer Zukunft auch bei einem führenden Streamingdienst abrufbar sein dürfte. Darauf zu warten, wäre sträflich. „Parallele Mütter“, die bunten Dekors, Alberto Inglesias’ effektiver Score und die Ungeheuerlichkeiten, von denen Pedro Almodóvar mit viel Mut zum großen Melodram, aber ohne klebrige Melodramatik erzählt, gehören ins Kino. (jole)


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