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Migrationsforscher erwarten größte Fluchtbewegung in Europa

Aufruf österreichischer Migrationsforscher: Die Menschen sollen aus Fehlern der Vergangenheit lernen und Geflüchtete nicht nach Herkunft in willkommene und unwillkommene unterscheiden.

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Migrationsforscherinnen und -forscher erwarten „die größte Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg".
© AFP/KISBENEDEK

Wien, Kiew, Moskau – Österreichische Migrationsforscherinnen und -forscher erwarten durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine „die größte Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg". In einem am Freitag veröffentlichten Aufruf betonen sie, dass die europäischen Regierungen dem nur dann gewachsen sein werden, „wenn sie sich sowohl auf Szenarien der temporären als auch der permanenten Flucht einstellen und bereit sind, aus Fehlern in den vergangenen Jahren zu lernen".

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Text von 70 Wissenschaftern unterzeichnet

Initiiert hat den Aufruf die Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Unterzeichnet wurde der Text bisher von mehr als 70 Wissenschaftern von Universitäten und Forschungseinrichtungen in ganz Österreich.

Die Migrationsforscher halten es für wahrscheinlich, dass die meisten der jetzt Geflüchteten in die Ukraine zurückkehren und sich am Wiederaufbau des Landes beteiligen werden, sollten die Pläne Putins aufgrund des anhaltenden Widerstands in der Ukraine scheitern. Falls Putin jedoch in der Ukraine „einen Vasallenstaat errichtet, der von einem Terrorregime aufrechterhalten wird, dann wird es nach der ersten Welle der Flucht von Frauen und Kindern zu weiteren massiven Fluchtbewegungen von Menschen kommen, die ihr Leben anderswo neu aufbauen müssen".

Aus diesem Grund plädieren die Wissenschafter dafür, sich auf unterschiedliche Szenarien temporärer und permanenter Flucht einzustellen. In diesem Zusammenhang begrüßen die Migrationsforscher den Beschluss der EU-Staaten, ihre Grenzen für Geflüchtete aus der Ukraine zu öffnen und eine EU Richtlinie über temporären Schutz im Fall von Massenzuwanderung aus dem Jahr 2001 zu aktivieren.

Die Niederlassungsfreiheit für die aus der Ukraine Geflüchteten in der gesamten EU sei eine wichtige Voraussetzung für Integration, weil es ihnen beispielsweise ermögliche dorthin zu gehen, wo es bereits größere ukrainische Gemeinschaften gebe oder wo sie ihre Qualifikationen am besten einsetzen können. Das allein werde aber nicht genügen, plädieren die Wissenschafter für staatliche Maßnahmen zur Beschaffung von Wohnraum und zur aktiven Integration in den Arbeitsmarkt sowie für einen europäischen Solidaritätsfonds, um Lasten zwischen den einzelnen Staaten auszugleichen.

Das Recht auf Asyl als individuelles Menschenrecht muss auch in einer Ausnahmesituation erhalten bleiben, in der es um den unmittelbaren Schutz von Millionen von Menschen geht, denen ihre Heimat geraubt wurde.
Migrationsforscher

So sehr die Migrationsforscher die große Welle an Hilfsbereitschaft von staatlicher und zivilgesellschaftlicher Seite gegenüber Geflüchteten aus der Ukraine begrüßen, warnen sie gleichzeitig vor einer Unterscheidung von Geflüchteten nach ihrer Herkunft in willkommene und unwillkommene, ohne ihre Fluchtgründe zu berücksichtigen. „Bei der Aufnahme von Geflüchteten darf es keine Diskriminierung zwischen ukrainischen StaatsbürgerInnen und Drittstaatsangehörigen geben, die in der Ukraine gelebt, gearbeitet oder studiert haben und keine Möglichkeit haben, in ihre Herkunftsländer zurückzukehren", heißt es in dem Text. „Das Recht auf Asyl als individuelles Menschenrecht muss auch in einer Ausnahmesituation erhalten bleiben, in der es um den unmittelbaren Schutz von Millionen von Menschen geht, denen ihre Heimat geraubt wurde", erinnern die Wissenschafter daran, dass nach der Ausnahmesituation im Sommer 2015 sichere Fluchtrouten nach Europa versperrt wurden und Tausende Menschen bis heute in Aufnahmelagern auf griechischen Inseln unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. (APA)


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