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Lagebericht aus Charkiw: „Es gibt auch normales Leben“

Die Dolmetscherin Anna Kolomiitseva harrt in der umkämpften ostukrainischen Stadt aus. „Ich will hierbleiben. Ich liebe meine Heimatstadt sehr“, sagt die 36-Jährige. Die Versorgungslage hat sich stabilisiert.

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Die ersten Kriegstage waren in Charkiw die heftigsten, erzählt Anna Kolomiitseva.
© State Emergency Service of Ukraine

Charkiw – Von einem Tag auf den anderen sich mitten im Krieg zu befinden – dieser Albtraum ist für die 36-jährige Ukrainerin Anna Kolomiitseva Wirklichkeit geworden. In Charkiw geboren, studierte sie an der Nationalen Universität Charkiw Germanistik und arbeitete als Stadtführerin sowie als Simultandolmetscherin für Deutsch und Englisch. Derzeit harrt sie in der umkämpften ostukrainischen Stadt aus. Gegenüber der APA gab sie am Sonntagnachmittag über ihre Lage Auskunft.

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"Mir persönlich geht es gut. Ich kann mich nicht beschweren. Am ersten Tag des Krieges habe ich zwei grundsätzliche Entscheidungen getroffen: Erstens bleibe ich zusammen mit allen Menschen, die ich liebe, damit ich ganz genau weiß, wie es ihnen geht und um ihnen jederzeit helfen zu können. Zweitens bin ich von meiner Eigentumswohnung in die Wohnung meiner Eltern umgezogen. Die Lage dieser Wohnung ist zumindest im Moment sicherer", schildert Kolomiitseva. "An den ersten zwei Tagen habe ich mich erkundigt, wo die nächsten Unterstände für Bombardierung oder Beschuss liegen und wie sicher sie sind. Am ersten Tag bin ich wie viele andere in die U-Bahn gegangen, aber ich bin dort nicht geblieben."

Zahlreiche Menschen suchten in den U-Bahn-Stationen Zuflucht.
© EMRE CAYLAK

Die ersten Kriegstage waren die heftigsten, erzählt die Übersetzerin. "Am zweiten und dritten Tag wurde stark gekämpft, da gab es den ersten Versuch, Charkiw zu erobern, der scheiterte. Das war schon ziemlich heftig. Am dritten Tag begannen die Raketen- und Bombenangriffe, unter anderem auf die Stadtmitte. Es gab viele Angriffe und man hatte große Angst. Viele Wohnhäuser im Nordosten der Stadt waren bis vor kurzem unter sehr starkem Beschuss, viele Menschen sind entweder ums Leben gekommen oder verletzt worden.

Angriff auf Kinderkrankenhaus

Es gab in der ersten Woche auch einen Angriff auf ein Kinderkrankenhaus. Nach diesem Angriff wollten viele Einwohner Charkiw verlassen, es kam zu einem großen Gedränge am Bahnhof. Es ist im Moment schwer zu sagen, wie viele Menschen die Stadt verlassen haben." Ohne offizielle Daten habe sie selbst eine Schätzung versucht: "Es könnten ungefähr 300.000 sein – eigentlich keine große Zahl, wenn man bedenkt, dass Charkiw vor dem Krieg 1,5 Millionen Einwohner hatte."

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Ein verletzter Bub wird nach dem Angriff auf ein Krankenhaus behandelt.
© SERGEY BOBOK

In der zweiten Woche habe sich die Lage aber verbessert. "Ich führe das auf die seitdem verbesserte Ausrüstung der ukrainischen Armee, vor allem auf die verstärkte Luftabwehr zurück. Es gibt jetzt viel mehr Leute auf den Straßen, mache grillen sogar, wie ich heute gesehen habe." Trotz der großen Fläche der Stadt bekomme man alle Geräusche mit, "selbst wenn im Stadtzentrum oder im Norden Bomben und Raketen fliegen, so laut sind sie. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Man hat auch gelernt zu unterscheiden, ob etwas auf einen zufliegt oder wegfliegt. Das Letztere ist gut."

Absurde neue Normalität

In ihrem Stadtteil habe sich so etwas wie eine absurde neue Normalität eingestellt. "Ja, es gibt auch normales Leben in Charkiw, mehr oder weniger. In der ersten Woche nach dem Kriegsausbruch gab es überall lange Schlangen, man konnte nicht alle Lebensmittel kaufen. Vor allem frisches Obst und Gemüse sowie Milchprodukte waren rar. Jetzt ist die Versorgungslage besser. Große Supermärkte haben offen. Mit Ausnahme der stark beschossenen Stadtteile gibt es nach wie vor Trinkwasser, Heizung und Strom. Es gab auch ein paar Internet-Ausfälle, aber man hat alles repariert."

Bilder aus Charkiw

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© SERGEY BOBOK

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Der Nachrichtenaustausch läuft vor allem über den Messaging-Dienst Telegram. "Ich habe viele offizielle Regierungskanäle abonniert. Außerdem gibt es einen Charkiwer Kanal, die sind sehr schnell, aber es gibt auch viel Fake News. Man muss alles überprüfen. Ich bin auch ständig im Kontakt mit Freunden, Bekannten und Kollegen aus allen möglichen Teilen der Stadt, wir informieren uns gegenseitig." Viele Menschen arbeiteten als Helfer, individuell oder in Organisationen. "Ich engagiere mich auch so gut es geht. Ich glaube nicht, dass die Stadt von den Russen eingenommen werden kann. Es sind schon mehr als zwei Wochen vergangen, und ihre Armee kann keine größeren Erfolge aufweisen – mit Ausnahme der Stadt Cherson im Süden, aber das ist eine mittelgroße Stadt ohne strategische Bedeutung."

Für sich hat Anna Kolomiitseva eine Entscheidung getroffen: "Ich will hierbleiben. Ich habe das Gefühl, als würde mich diese Stadt stärker machen. Ich liebe meine Heimatstadt sehr und fühle mich wohl hier, sogar im Krieg. Das mag sich verrückt anhören, aber so empfinde ich das." (APA)


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