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Patriarch Kyrill droht die Isolation in der Orthodoxie

Der Moskauer Kirchenführer unterstützt den Kreml und dessen Krieg in der Ukraine. Das wollen viele Bischöfe, Gläubige und Theologen nicht mitmachen.

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Weltliche und geistliche Macht in enger Verbindung: Kremlchef Putin und Patriarch Kyrill I.
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Von Hubert Oeggl

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Moskau –Der Krieg in der Ukraine hat nicht allein Kremlchef Wladimir Putin zum internationalen Buhmann gemacht. Er nagt auch am Image des Moskauer Patriarchen Kyrill I., der mit Putin verbündet ist, und er spaltet die russisch-orthodoxe Kirche.

Kritik am Kreml gehörte schon in der Vergangenheit nie zum Repertoire von Kyrill. Stets wurde die volle gegenseitige Unterstützung im Kampf Russlands gegen die „Kräfte des Bösen“ betont. Es sei vom Westen „abscheulich und gemein“, ein Volk gegen das Brudervolk aufzuhetzen und die Ukrainer zu bewaffnen, damit sie gegen ihre russischen Brüder kämpfen, protestierte der Kirchenführer in einer Predigt. Er verstehe sich als Patriarch der ganzen Rus und Primas der Kirche, deren Herde sich in Russland, der Ukraine und anderen Ländern befinde. Die Begriffe „Angriff“ und „Krieg“ vermeidet er, und Putin wird mit keinem Wort erwähnt.

Immer wieder werden die gemeinsamen historischen Wurzeln zwischen dem russischen und ukrainischen Volk beschworen, die auf die Taufe der „Rus“ zurückgehen, die im Jahr 988 unter Großfürst Wladimir I. in Kiew und anderen Städten stattfand. Dieses Geschichtsbild begründet auch die Gemeinsamkeit zwischen Patriarch und Präsident.

Die Großfürsten und später die Zaren hatten auch in kirchlichen Fragen das Sagen. Diese Staat-Kirche-Beziehung folgt dem Prinzip der „symphonia“. Da passt es gut ins Bild, dass sich Putin und Kyrill, beide mit KGB-Vergangenheit, gegenseitig Orden verliehen und die Kirche Putin bei den Präsidentenwahlen unterstützte. Die Kirche erhob keinen Einspruch gegen die Krim-Annexion 2014 und die folgende Militäraktion im Donbass. In diesem Kirchenverständnis ist auch keine Zurechtweisung des Staates vorgesehen, wenn dieser Dissidenten maßregelt.

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Für eine Eigenständigkeit der Ukraine haben weder Putin noch der Patriarch Verständnis, daher auch der heftige Widerstand gegen eine neu entstandene, eigenständige orthodoxe Kirche in der Ukraine. Stattdessen verlieh Moskau dem eigenen Ableger in der Ukraine (UOK) einen autonomen Status. „Die Grenzen der Kirche werden nicht von politischen Präferenzen, ethnischen Unterschieden oder gar Staatsgrenzen bestimmt“, erklärte der „Heilige Synod“ – die Kirchenleitung – des Moskauer Patriarchats 2014.

Doch dieses Gefüge ist jetzt einer Zerreißprobe ausgesetzt, und die Autorität Kyrill I. ist brüchig geworden. Nicht nur Gläubige der UOK, die dort die meisten Pfarren hat, sondern überall in der Welt verweigern dem Patriarchen offen die Anerkennung. Mehr als 800 orthodoxe Theologen erklärten, wegen der Unterstützung für den Krieg höre die russisch-orthodoxe Kirche (ROK) auf, „die Kirche des Evangeliums von Jesus Christus“ zu sein.

Die Unterzeichner üben auch scharfe Kritik am Konzept der „Russischen Welt“, das von der ROK und Putin vertreten wird. Dem Konzept zufolge gibt es eine transnationale russische Sphäre oder Zivilisation namens „Heilige Rus“, die gegen einen angeblich korrupten Westen und dessen liberale Ideale steht. Die Theologen bezeichnen diese Lehre u. a. als „Ketzerei“ und „zutiefst falsch, unorthodox, unchristlich und gegen die Menschheit gerichtet“.

Im Staatskirchentum lag und liegt die Gefahr der orthodoxen Kirchen. Wie schon unter Kaisern und Zaren sind sie heute der Gefahr ausgesetzt, ein gefügiges Werkzeug des Staates oder einer Partei zu werden. Verschärft zeigt sich diese Situation im Nationalismus. Die Kirche war für slawische Völker unter Fremdherrschaft oder sozialistischen Regimen oft der letzte Hort für die Pflege der eigenen Identität.

Die daraus entstandene nationalistische Ideologie diente der Orthodoxie oft genug, ethnische Rivalitäten aufzuheizen, statt ausgleichend zu wirken. Diese Entwicklung hat nach dem blutigen Zerfall Jugoslawiens gerade deshalb so fanatische Ausmaße angenommen, weil Kirchen – nicht allein die orthodoxe – diesen Nationalismus lange gefördert hatten, etwa die Katholiken in Kroatien und die Orthodoxie in Serbien.


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