Entgeltliche Einschaltung

Die NATO hat ihre Ostflanke massiv verstärkt

Das Transatlantische Bündnis hat seit Beginn des Krieges in der Ukraine zahlreiche Truppen und Waffen in den Osten verlegt, um seine Ostflanke zu stärken. Hier ein Überblick:

  • Artikel
  • Diskussion
NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.
© KENZO TRIBOUILLARD

Wien, Kiew, Moskau – Die Staats- und Regierungschefs der NATO-Staaten treffen sich am Donnerstag zu einem Sondergipfel in der Bündniszentrale in Brüssel, um über die weitere Stärkung der NATO-Verteidigung zu beraten. Das Transatlantische Bündnis hat seit Beginn des Krieges in der Ukraine zahlreiche Truppen und Waffen in den Osten verlegt, um seine Ostflanke zu stärken. Diese Festigung hat eigentlich schon nach der Krim-Annexion 2014 begonnen und in den letzten Wochen massiv an Fahrt gewonnen.

Entgeltliche Einschaltung

In den drei baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland sowie in Polen steht seit 2017 jeweils eine NATO-Battlegroup von knapp 1000 Soldaten aus verschiedenen NATO-Ländern bereit, um die lokalen Streitkräfte zu verstärken und Russland von militärischen Aktionen abzuschrecken. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar ist noch viel mehr in Bewegung gekommen. Die Neue Zürcher Zeitung hat einen detaillierten Überblick zusammengestellt:

Estland: Ganz oben im Nordosten steht ein mechanisiertes Infanteriebataillon aus Großbritannien. Zur Bewaffnung gehören Kampfpanzer und Panzerhaubitzen der Artillerie, Bodenflugabwehr und Räumpanzer.

Lettland: Die Führung der Kampfgruppe im mittleren der drei baltischen Staaten hat Kanada übernommen. Sie besteht im Kern aus einer kanadischen und einer italienischen Infanteriekompanie, einer polnischen Panzerkompanie und einer slowakischen Artilleriebatterie. An der eFP-Kampfgruppe (Enhanced Forward Presence) Lettland sind außerdem Albanien, Tschechien, Montenegro und Island beteiligt.

TT-ePaper 4 Wochen gratis lesen

Die Zeitung jederzeit digital abrufen, ohne automatische Verlängerung

TT ePaper

Litauen: In Litauen steht eine Kampfgruppe unter deutscher Führung. Die Bundeswehr stellt einen starken, mechanisierten Verband mit Leopard-2-Kampfpanzern und Panzerhaubitzen 2.000 zur Verfügung. Der harte Kern wird ergänzt von einer motorisierten Infanteriekompanie aus Belgien, einer mechanisierten Infanteriekompanie aus den Niederlanden und einem Panzergrenadierverband aus Norwegen. Kleinere Beiträge leisten Island, Tschechien und Luxemburg.

© APA

Polen: Im Gegensatz zu den drei baltischen Staaten verfügt Polen über eine starke eigene Armee. Dennoch manifestiert sich über die von den USA geführte eFP-Kampfgruppe eine besonders enge Zusammenarbeit mit Washington. In der Grunddisposition stellt die amerikanische Armee einen mechanisierten Verband mit viel Feuerkraft zur Verfügung. Kroatien betreibt eine Raketenwerferbatterie, Rumänien stellt Flugabwehrmittel zur Verfügung, und Großbritannien unterstützt die Kampfgruppe unter anderem mit Aufklärern.

Diese vier eFP-Verbände bilden den Kern des Abwehrschilds der NATO-Bodentruppen gegen Russland. Bereits Ende 2021, als der Aufmarsch der russischen Verbände an der ukrainischen Grenze unaufhaltsam fortschritt, wurden die NATO-Truppen Schritt für Schritt verstärkt. Zuerst brachten die beteiligten Nationen relativ diskret zusätzliche Kampfpanzer und Panzerhaubitzen nach Nordosteuropa. Seit Jänner dieses Jahres werden nun aber ostentativ starke Kampfverbände aus den USA eingeflogen. Die Hauptlast tragen die amerikanischen Landstreitkräfte. Die amerikanische Navy kreuzt im Mittelmeer mit dem Flugzeugträger "Harry S. Truman". Die amerikanische Luftwaffe fliegt unter anderem Aufklärungseinsätze mit Drohnen über dem Schwarzen Meer.

Unterdessen befinden sich über 100.000 amerikanische Militärangehörige in Europa. Die meisten von ihnen sind regulär in Deutschland, Großbritannien, Spanien und Italien stationiert. Für die Verstärkung der NATO-Ostflanke setzt die U. S. Army konsequent um, was sie im Mai und Juni 2021 intensiv geübt hat: die rasche Verschiebung von Truppen von ihren amerikanischen Heimbasen nach Deutschland und von dort weiter in den Nord- oder den Südosten Europas. Die Übung „Defender Europe 21" fand außerhalb des NATO-Rahmens statt und sollte ein deutliches Zeichen setzen: Die USA sind bereit und fähig, Russland auch am Boden einen Riegel zu schieben - und zwar von der Ostsee bis ans Schwarze Meer.

Die so mit den Gastnationen eingespielte Zusammenarbeit wird nun im Ernstfall umgesetzt. Bereits Anfang Februar verschoben die amerikanischen Landstreitkräfte Teile des in Deutschland stationierten 2. Kavallerieregiments nach Rumänien. Die 82. Luftlandedivision begann gleichzeitig, Kampfverbände von Fort Bragg in North Carolina nach Polen zu verlegen. Es folgten bis Mitte Februar Truppen der 101. Luftlandedivision und des 3. Luftlandekorps.

Nach Berichten der amerikanischen Fachpresse hat das Europa-Kommando der USA vor einer Woche folgende Angaben zur Zahl der amerikanischen Militärangehörigen in Osteuropa gemacht: Baltikum 2500, Polen 10.000, Slowakei 1500 und Rumänien 2400.

Der amerikanische Aufmarsch in Europa ist nicht abgeschlossen. Bei Bedarf können sofort weitere Truppen nachfließen. Im Gegensatz zu den meisten europäischen Armeen verfügen die USA weiterhin über Reserven. Die Hauptlast der Verteidigung Osteuropas gegen mögliche Übergriffe der russischen Streitkräfte tragen die Amerikaner.

Innerhalb der EU ist einzig Frankreich in der Lage, einen umfassenden Beitrag zur Sicherheit zu leisten, allerdings in einem wesentlich kleineren Umfang als die USA. Gemäß einer Übersicht des Verteidigungsministeriums in Paris sind die französischen Streitkräfte wie folgt eingesetzt:

Estland: Verstärkung der eFP-Kampfgruppen und Unterstützung des eAP mit insgesamt 350 Militärpersonen.

Polen: Unterstützung des eAP (Enhanced Air Policing).

Rumänien: Verstärkung des rumänischen Dispositivs mit 500 Soldatinnen und Soldaten der Armée de Terre. Die Bodenoperation in Rumänien bildet das Schwergewicht des französischen Engagements in der gegenwärtigen Krise.

Mittelmeer: Vom Flugzeugträger „Charles de Gaulle" aus unterstützen französische Rafales das eAP über Rumänien und Bulgarien.

Italien ist vor allem als Operationsbasis der NATO-Luftwaffen wichtig. In einem kürzlich an die Medien geratenen Befehl des italienischen Generalstabs werden nun aber die Kommandanten aller Bodentruppen angewiesen, den Urlaub der Truppe auf das Minimum zu beschränken. Die Verbände müssten hundertprozentig marschbereit sein. Die Ausbildung sei auf Kampfeinsätze auszurichten. Es ist davon auszugehen, dass die italienischen Landstreitkräfte einen Teil der NATO-Reserve bilden, falls in kurzer Zeit mehr Truppen benötigt werden.

Das Geschehen in der Luft ist weniger übersichtlich als am Boden. Die Kampfjets fliegen den erweiterten Luftpolizeidienst nicht mit eingeschalteten Transpondern, sie sind also nicht sichtbar. Hinweise gibt es über die Radarbilder privater Anbieter. So sind etwa die Tankflugzeuge sichtbar. Itamilradar, eine private Gruppe, welche die Flugbewegungen im Mittelmeer beobachtet, meldete vergangene, dass gleich fünf Tankflugzeuge in der Luft gewesen seien.

Dies zeigt die Dimension der derzeitigen Luftoperationen von der Ostsee über das Schwarze Meer bis ins östliche Mittelmeer. Zum einen riegelt die NATO den Luftraum nach Westen ab. Kein russisches Flugzeug soll in den NATO-Luftraum eindringen. Zum anderen saugen die westlichen Flugzeuge alle möglichen Informationen über die russischen Aktivitäten am Boden, in der Luft und im elektromagnetischen Raum auf. (APA)


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung