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Packende Premiere in der Staatsoper: Ganz unten angelangt im Schwurblerland

An der Wiener Staatsoper gelingt Bergs „Wozzeck“, musikalisch hochkarätig, als brandaktuelles Sozialdrama.

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Drunt’ in der Lobau sticht der neue „Wozzeck“ zu: Christian Gerhaher, Anja Kampe.
© Michael Pöhn

Von Stefan Musil

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Wien – Seit 2016 steht ein „Alban-Berg-Denkmal“ vor der Wiener Staatsoper. Zwischen Garage und U-Bahn-Abgang wirkt es so bescheiden wie die Frequenz der Berg-Aufführungen der letzten Jahre am Haus dahinter. 2017 gab es „Lulu“ in der dreiaktigen Fassung. Den „Wozzeck“ spielte man zuletzt vor acht Jahren, in der stimmigen Inszenierung von Adolf Dresen, die Claudio Abbado 1987 dirigierte. 37 magere Reprisen.

Bogdan Rošcˇić setzte in seiner zweiten Saison eine Neuproduktion dieses Schlüsselwerks der Moderne an. Lobenswert, wenn man es so packend auf die Bühne bringt, wie es Regisseur Simon Stone und dem großartigen Ensemble gelingt. Natürlich kann man in Büchners Figuren, die Berg genial ins Musikdramatische übersetzt hat, Archetypen sehen. Christian Gerhaher, der Wozzeck der Neuproduktion, einer der tiefsten Denker der Klassikbranche, weist in einem großartigen Essay auch auf die Nähe zur Commedia dell’Arte hin.

Doch Stone nimmt diese Typen und lässt sie in der Gegenwart aus, menschlich, lebendig, nah. Bühnenbildner Bob Cousins baute ihm einen Kubus aus miteinander verbundenen Zimmern, der wie ein räumliches Perpetuum mobile kreist, sodass die Protagonisten sich fast ständig durch immer neue Räume bewegen. Stone nimmt Büchners Figuren aus ihrem Militärmilieu und übersiedelt sie in ein aktuelles Bühnen-Wien, mit Arbeitsamt, U-Bahn-Station und Würstelstand.

Am unteren Sozialrand torkelt „Opfa“ Wozzeck durch sein patschertes Leben. Christian Gerhaher zeichnet ihn eindrucksvoll vielschichtig als erbarmungswürdigen Menschen, der ins Eck gedrängt wird. Vom Hauptmann, diesmal von der Polizei, dem Jörg Schneider quäkend scharfe Tenorkontur gibt, wird er herumkommandiert.

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Geduldet, aber wohl nie geliebt, hat ihn auch die resolute Alleinerzieherin Marie der kraftvollen Anja Kampe längst abgeschrieben. Sie „reißt sich“ den Tambourmajor, auch ein Polizist und besetzt mit dem stimmstarken Sean Panikkar als gar nicht muskelprotzendem Feschak, am Würstelstand auf. Der Liebesakt wird zur schmerzvollen Halluzinationsfahrt Wozzecks, über die Drehbühne, durch immer neue Schlafzimmer, in denen sich in immer anderen Stellungen Marie und der Tambourmajor vergnügen. Wer wundert sich im Pandemie-Heute, wenn der Doktor (handfest empathielos: Dmitry Belosselskiy) wissenschaftlichen Schwachsinn faselt, während er Wozzeck eine Darmspiegelung verpasst?

Das Ende findet auf einer „Gstätten“ statt, wie sie die Lobau oder der Wienerberg anzubieten haben. Nachdem er Maria getötet hat, wirft Wozzeck das Messer in ein Abwasserrohr, das ihm zur Todesfalle wird.

Die übrige Besetzung, der Chor und das in Riesenstärke aufgebotene Orchester leisten Großartiges. Philippe Jordan hat exzellent einstudiert und leitet den Abend souverän, beginnt zunächst verhaltener, benötigt etwas für die Abstimmung der Lautstärke und findet bald zu einem zwischen sinnlich und genau aufregend austariertem Kurs. Man könnte höchstens noch einwenden, dass das soziale Elend auf der Staatsopernbühne etwas zu mittelständisch und stilisiert ausfällt. Doch dieser „Wozzeck“ packt in seiner grauslichen Aktualität. Der „fährt ein“!


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