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Gutmütige Großväter, grausame Spiele: Neues Buch von Nobelpreisträger Handke

Mit seinem neuen Buch „Zwiegespräch“ heizt Nobelpreisträger Peter Handke eine vom Erkalten bedrohte Lese-Liebe neu an.

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Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke.
© imago

Von Joachim Leitner

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Innsbruck – Für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Volltext hat die deutsche Autorin Julia Schoch ihre Lektüreeindrücke von Peter Handkes Erzählung „Das zweite Schwert“ (2020) notiert. In wenigen Zeilen umreißt sie die Abkühlung ihrer Leseleidenschaft. Sie schaue in die Bücher des Nobelpreisträgers von 2019, „wie man in das alt gewordene Gesicht einer Jugendliebe blickt. Voll Wehmut, voll erinnertem Glück, auf der Suche nach dem, was mich einst so lieben ließ.“ Das Gefühl dürften auch andere Leser-Innen kennen.

Immer wieder aber vermag es Handke – er wird in diesem Dezember 80 –, die erkaltete Liebe neu anzuheizen. In seinem neuen Buch „Zwiegespräch“, es kommt am Montag in den Handel, zum Beispiel. Darin kommen zwei alte Freunde ins Reden, Erinnern und Erzählen. Sie unterbrechen einander bisweilen – und sprechen doch mit einer Stimme: das Gespräch als Spiel. Und übers Spielen wird auch geredet. Und darüber, dass das Spielerische nur vordergründig harmlos und unschuldig ist. Vom Großvater des einen ist die Rede. Ein Spieler sei er gewesen, ein unverbesserlicher und bisweilen ein ziemlich grausamer. Und von Großvätern ganz allgemein wird gesprochen. Von der Gutmütigkeit, die die Enkel beschwören – und davon, dass diese gutmütigen Großväter, als Österreich „Ostmark“ hieß, Mitläufer und Mittäter waren. Darüber will einer der Sprecher schreiben: eine Tragödie – fünf Akte, keine Katharsis. Oder ein dramatisches Gedicht? Eine finale Szene – und was für eine – lässt er sein Gegenüber ausgestalten: drastisch, trotzig. Um den großen Krieg geht es, den ersten Weltenbrand – und die Kindergeschichten, die davon erzählt wurden. Und um den zweiten, noch größeren, für den die Worte fehlen. Und um das Theater, das aus der Zeit gefallen ist, das – wie es an einer Stelle heißt – seinen Moment verloren hat. Altherrengejammer ist dieses „Zwiegespräch“ zweier „Narren“ aber nicht. Vergängliches und Vergänglichkeit werden nicht beklagt. auch damit wird gespielt.

Gewidmet hat Handke den Text – erst lautes oder wenigstens halblautes Lesen bringt ihn richtig zum Klingen – den Schauspielern Otto Sander und Bruno Ganz. Beide sind in den vergangenen Jahren gestorben. Sie spielten 1971 in der Uraufführung von Handkes „Der Ritt über den Bodensee“. Im Film „Der Himmel über Berlin“ (1987), den Wim Wenders nach einem Handke-Entwurf drehte, waren sie Engel mit traurigen Augen. Auf der Bühne hätten sie „Zwiegespräch“ zum Erlebnis gemacht. TheatermacherInnen sollten sich an diesen Text trauen. Es ließe sich trotzig beweisen, dass wenigstens die Wort-gewordenen Gedanken zum Theater so nicht stimmen müssen.


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