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Kiew befürchtet Zuspitzung der Lage rund um Mariupol

Russland will sich – zumindest laut eigenen Angaben aus dem Kreml – in ihren Kriegshandlungen auf die Ostregion der Ukraine konzentrieren. Das weckt Befürchtungen, Städte im Osten wie Mariupol könnten noch stärker bombardiert werden. Präsident Selenskyj spricht von einer "humanitären Katastrophe".

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Russland bombardiert in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine auch Wohngebiete, wie hier in Mariupol.
© IMAGO/Mikhail Tereshchenko

Kiew, Moskau – Nach der Ankündigung Russlands, sich im Ukraine-Krieg künftig auf die "Befreiung des Donbass" konzentrieren zu wollen, befürchtet die Regierung in Kiew eine Zuspitzung der Lage in Mariupol und im Osten des Landes. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Situation in Mariupol als eindeutige humanitäre Katastrophe. Die von Frankreich mit der Türkei und Griechenland geplante Evakuierungsmission ist weiter nicht abschließend vereinbart.

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Nach der Ankündigung der humanitären Aktion durch Präsident Emmanuel Macron am Freitagabend stehe die dafür nötige Abstimmung mit Russlands Präsident Wladimir Putin noch aus, hieß es am Montag aus dem Élyséepalast in Paris. Noch gebe es keinen Termin für ein Telefonat der beiden Präsidenten. Auch aus dem Kreml hieß es, dass es noch keinen Termin für ein solches Telefonat gebe.

Russen stoßen weiter vor

Russland verlegte indes weiterhin zusätzliche Militäreinheiten an die ukrainische Grenze. Dies bedeutet "eine potenzielle oder starke Verschlechterung rund um Mariupol", sagte der ukrainische Präsidentenberater Oleksij Arestowytsch in einer auf dem Telegram-Konto des Präsidenten veröffentlichten Botschaft. Kiew warf Moskau eine "unmenschliche Taktik" vor.

Nach Angaben der stellvertretenden ukrainischen Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk wurden am Sonntag 1.100 Menschen aus umkämpften Gebieten ihres Landes evakuiert. Aufgrund der Bedrohung durch russische Truppen könnten an diesem Montag keine Fluchtkorridore zur Evakuierung von Zivilisten eingerichtet werden. Es gebe Geheimdienstinformationen über mögliche "Provokationen" auf den Routen, sagte Wereschtschuk am Montag. Die Ukraine und Russland werfen sich seit Wochen gegenseitig vor, die Evakuierung von Zivilisten aus besonders umkämpften Gebieten zu sabotieren.

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160.000 in Mariupol ohne Strom

Der Bürgermeister von Mariupol rief zur vollständigen Evakuierung der ukrainischen Hafenstadt auf. Es drohe eine humanitäre Katastrophe, sagt Wadym Boitschenko. Unter anderem seien 160.000 Einwohner ohne Strom. Es seien zwar Busse für eine Evakuierung bereitgestellt. Russland habe aber keine freie Passage zugesagt.

Russische Truppen verstärkten offenbar ihre Versuche, Mariupol einzunehmen. In der Nähe der eingekesselten Hafenstadt würden sie Geländegewinne erzielen, erklärte das britische Verteidigungsministerium am Montag. Dort würden die russischen Truppen vor allem versuchen, den Hafen einzunehmen. Im Norden des Landes zogen sich russische Truppen dagegen weiter zurück.

Anwohner neben zerstörten Häusern in Mariupol.
© IMAGO/V Ictor

Russland verlegt weitere Truppen an ukrainische Grenze

Die Ukrainer könnten nun hoffen, dass der "Feind" aus den Regionen Kiew, Tschernihiw, Sumy und Charkiw "vertrieben" werden könne, so Arestowytsch mit Verweis auf die nördlichen und östlichen Regionen. Die ukrainischen Truppen hätten dort kleine, taktische Gegenangriffe gegen die russischen Truppen gestartet.

Das ukrainische Militär teilte in der Nacht auf Montag mit, Russland verlege weiterhin zusätzliche Militäreinheiten an die ukrainische Grenze. Zudem werden Raketen- und Luftangriffe auf ukrainische Truppen und militärische Infrastrukturen fortgesetzt.

📽️ Video | Die Verhandlungen mit Russland

Präsidentenberater: Russland will Ukraine mit Bomben "ausradieren"

Die ukrainische Führung warf dem russischen Militär unterdessen eine "unmenschliche Taktik" vor. Dazu gehörten etwa die "partielle oder totale Blockade von humanitären Korridoren, Blockade der belagerten Städte", schrieb Präsident Selenskyjs Berater Mychajlo Podoljak auf Twitter.

Zudem setze Russland "totale Raketenangriffe" gegen ukrainische Städte fort. Dazu werde die Hafenstadt Mariupol mit Bombenteppichen eingedeckt. "Die Russen haben keine Sprache, keinen Humanismus und keine Zivilisation mehr", schrieb Podoljak. "Nur noch Raketen und Bomben, um die Ukraine möglichst von der Landkarte auszuradieren."

50 Kindergärten, 70 Schulen und 15 Krankenhäuser zerstört

In der ostukrainischen Millionenstadt Charkiw sind seit Beginn der russischen Angriffe nach ukrainischen Angaben fast 1180 mehrgeschoßige Wohnhäuser zerstört worden. Außerdem seien mehr als 50 Kindergärten, fast 70 Schulen und 15 Krankenhäuser vernichtet worden, sagte der Charkiwer Bürgermeister Ihor Terechow am Montag nach Angaben der Agentur Unian. Binnen 24 Stunden hätten die russischen Truppen Charkiw fast 60 Mal mit Artillerie und Mörsern beschossen. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Rund 30 Prozent der Bevölkerung hätten die Stadt verlassen, sagte Terechow. Einige Menschen seien aber auch wieder zurückgekehrt. Charkiw hatte vor Kriegsbeginn rund 1,5 Millionen Einwohner und ist nach Kiew die zweitgrößte Stadt der Ukraine. Seit der russischen Invasion vor viereinhalb Wochen wird die Stadt aus der Luft und mit Artillerie angegriffen.

Kiew weiter im Fokus der russischen Armee

Die Ukraine sieht weiterhin keine Anzeichen, dass sich die russischen Truppen von Kiew zurückziehen. Die russische Föderation habe ihre Pläne nicht aufgegeben, Kiew – wenn es nicht gelänge, die Hauptstadt einzunehmen – einzukesseln, sagte der Sprecher des ukrainischen Verteidigungsministeriums, Olexander Motusjanyk. "Derzeit sehen wir keine Bewegungen der feindlichen Truppen weg von Kiew."

Russland hat unterdessen eine Untersuchung zu einem in sozialen Medien verbreiteten Video angekündigt, das angeblich eine Misshandlung gefangen genommener russischer Soldaten durch ukrainische Streitkräfte zeigen soll. Das Video enthalte "monströse Bilder" und müsse rechtlich bewertet werden, sagte Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow. Diejenigen, die an Folter beteiligt seien, müssten zur Verantwortung gezogen werden. (APA/AFP/dpa/Reuters)


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