Entgeltliche Einschaltung

LNG kann russisches Pipeline-Gas vorerst bei weitem nicht ersetzen

Viele europäische Länder wollen LNG-Terminals ausbauen, um von Russland unabhängiger zu werden. Dafür braucht es aber mehrere Jahre. Auch die verfügbaren LNG-Tankschiffe sind begrenzt.

  • Artikel
  • Video
  • Diskussion
Einen Engpass gibt es nicht nur bei LNG-Terminals, auch LNG-Tankschiffe sind nur begrenzt verfügbar: Weltweit gibt es nur etwa 500 davon, die meisten sind in Asien unterwegs.
© imago stock&people

Wien/Moskau – Die EU würde ihre Wirtschaftssanktionen gegen Russland gerne auch auf Erdgasimporte aus Russland ausdehnen. Weil ein Gasboykott aber der europäischen Wirtschaft großen Schaden zufügen würde, schreckt man davor bisher zurück. Ersetzen lässt sich russisches Gas in den nächsten Jahren nicht, auch nicht durch LNG, also Flüssigerdgas. Dafür reicht die LNG-Infrastruktur in Europa noch lange nicht aus.

Entgeltliche Einschaltung

380 Milliarden Kubikmeter Erdgas verbrauchte die EU im Jahr 2020, die eigene Produktion hat sich aber in den letzten zehn Jahren halbiert. Darum werden etwa 80 Prozent des EU-Bedarfs durch Importe gedeckt, mehr als 40 Prozent des in der EU verbrauchten Gases liefert Russland.

📽 Video | Analyse zur heimischen Gasversorgung

Dass es infolge der EU-Sanktionen gegen Russland auch zu Lieferunterbrechungen beim Gas kommen könnte, galt bisher als unwahrscheinlich, wird inzwischen aber nicht mehr ausgeschlossen. Die EU-Kommission ist eigenen Angaben zufolge für diesen Fall gerüstet. Man habe sich schon lange auf eine solche Situation vorbereitet, die sich hoffentlich nicht präsentieren werde, sagte EU-Kommissionsvize Frans Timmermans am Mittwoch in Brüssel. Was das genau bedeutet, wollte der Holländer nicht verraten.

TT-ePaper 4 Wochen gratis lesen

Die Zeitung jederzeit digital abrufen, ohne automatische Verlängerung

TT ePaper

Kurzfristiger Ersatz nicht möglich

Russisches Pipeline-Gas durch LNG aus den USA, Katar, Algerien, Ägypten oder anderen Ländern zu ersetzen, ist kurzfristig jedenfalls nicht möglich, darüber sind sich Gas-Experten einig. Selbst wenn die gesamte Kapazität aller LNG-Terminals in der EU – das sind knapp 160 Mrd. Kubikmeter in gasförmigem Zustand – bisher völlig ungenutzt wäre, würde sie dafür nicht ausreichen.

Etliche Länder planen oder sind gerade dabei, ihre LNG-Terminals auszubauen, das wird aber noch Jahre dauern. Einer der größten Gasverbraucher in Europa, Deutschland, verfügt bisher noch über keinen einzigen LNG-Terminal. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat kürzlich Brunsbüttel und Wilhelmshaven als mögliche Standorte für Terminals genannt. Die Bauzeit wird aber auf mindestens drei Jahre geschätzt.

Einen Engpass gibt es nicht nur bei LNG-Terminals, auch LNG-Tankschiffe sind nur begrenzt verfügbar: Weltweit gibt es nur etwa 500 davon, die meisten sind in Asien unterwegs. Das Fassungsvermögen eines LNG-Schiffs entspricht etwa 75 Millionen Kubikmetern Pipeline-Gas. Zum Vergleich: Allein am Donnerstag wurden 109,5 Millionen Kubikmeter Gas von Russland in Richtung EU gepumpt.

Österreich alleine bräuchte 80 Tankschiff-Ladungen LNG

Österreich verbraucht jährlich etwa 8,5 Mrd. Kubikmeter Erdgas, davon kommen vier Fünftel über Pipelines aus Russland. Wollte man dieses Gas durch LNG ersetzen, bräuchte man alleine für Österreich rund 80 Tankschiffe.

Die in Österreich vor wenigen Tagen beschlossene strategische Gasreserve von 12,6 TWh entspricht laut Carola Millgramm, Leiterin der Gas-Abteilung beim Energieregulator E-Control, etwa 13 Prozent des Jahresverbrauchs von 95 TWh – 13 Prozent ist auch der aktuelle Füllstand der Gasspeicher in Österreich. Allerdings sei da auch der Speicher in Haidach dabei, der nur an das deutsche Gasnetz angeschlossen sei. Auch Tirol und Vorarlberg seien nur über Deutschland ans Netz angeschlossen. Die strategische Gasreserve soll aber in Speichern gelagert werden, die Ostösterreich versorgen können.

Österreich könnte LNG im Reverse Flow über die TAG-Leitung aus Italien beziehen, erklärte Millgramm. Die Trans Austria Gasleitung bringt normalerweise russisches Erdgas von Baumgarten an der slowakisch-österreichischen Grenze bis nach Norditalien. Künftig könnte LNG auch aus Deutschland nach Österreich transportiert werden, aber auch vom Terminal auf Krk in Kroatien, wo es aber noch keine Import-Infrastruktur gebe.

Hohe Preise für viel kritisiertes Fracking-Gas

Derzeit beziehen die EU-Länder LNG vor allem aus den USA, über Großbritannien aus Katar, aber auch aus Russland, Algerien oder Ägypten. Im Jänner und Februar seien auch größere Spotmengen über eine Leitung aus Großbritannien nach Kontinentaleuropa gekommen. "Wenn man das russische Gas längerfristig ersetzen will, muss man wohl auch mittel- bis längerfristige Verträge mit LNG-Lieferanten abschließen." So könnte man auch bessere Preise erzielen als kurzfristig an den Spotmärkten. Beim Preis stehe Europa aber immer auch im Wettbewerb mit dem asiatischen Raum. Das könnte dazu führen, dass viele Abnehmer in Asien sich das LNG dann nicht mehr leisten könnten. Pakistan und Indien hätten damit schon jetzt Probleme.

Grundsätzlich sei LNG aus Nordamerika, aber auch aus Norwegen, Katar oder Algerien auch das in Österreich von Umweltschützern kritisierte Fracking-Gas. (TT.com, APA)


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung