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Inflation auf Rekordhöhe, Debatte um Zinswende

Getrieben von den Energiepreisen ist die Teuerung laut Schnellschätzung der Statistik Austria in Österreich im März auf 6,8 Prozent gestiegen.

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© Rita Falk / Tiroler Tageszeitung

Von Anna Haselwanter

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Wien – Zwei Jahre Pandemie, Krieg in Europa und daraus resultierend explodierende Energiepreise: Die Unsicherheiten der Gegenwart treiben die Inflation auf Rekordhöhen. In Österreich lag sie im März laut Schnellschätzung der Statistik Austria bei 6,8 Prozent, das ist der höchste Wert seit 41 Jahren. In der Eurozone stiegen die Verbraucherpreise im Jahresvergleich um 7,5 Prozent, teilte das Statistikamt Eurostat gestern mit. So hoch war die Teuerung seit Einführung des Euros nicht. Und: Eine Decke gibt es nicht. Manche Ökonomen rechnen damit, dass die monatlichen Raten – getrieben durch die hohen Energiepreise – gar zweistellig werden könnten. AK-Chefökonom Markus Marterbauer etwa kündigte bereits Anfang März an, dass die Entwicklung der nächsten Monate „eher in Richtung zweistellig“ gehen könne.

Ob dies ein realistisches Szenario ist, hängt nun ganz davon ab, ob weiter „russisches Gas und Öl nach Europa fließt und hier auch abgenommen wird“, sagt Wifo-Ökonom Josef Baumgartner. Ausgehend davon, dass der Gashahn offen bleibt, sei nicht mit einer zweistelligen Rate zu rechnen. Dann sollte „der Höhepunkt der monatlichen Inflationsrate im Mai bei rund 7,5 Prozent erreicht sein“. Die Ölpreise dürften sich noch heuer leicht entspannen. Weniger gut seien die Aussichten aber, wenn der Energiefluss unterbrochen werde, sagt der Ökonom. „Das würde die Wirtschaft sehr stark belasten. Ohne Öl und Gas steuert Europa auf eine Rezession zu, zumindest aber auf ein Nullwachstum.“ Wie stark die Wirtschaftskrise dann einschlagen würde, hänge aber davon ab, wie sehr die Industrie – die sehr stark vom Gas abhängig ist – die Produktion einschränken müsste, wie sehr sich das wiederum auf nachgelagerte Produktionen auswirken würde und ob Ausfälle in Folge durch Importe ersetzt werden könnten, etwa aus den USA. Die Liste der Fragezeichen ist lang, Prognosen in Richtung Zukunft schwieriger denn je.

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Zurück in der Gegenwart bringt die steigende Inflation die Europäische Zentralbank (EZB) auf ihrem Niedrigzinskurs zunehmend in Erklärungsnot. „Die Geldpolitik darf nicht die Gelegenheit verpassen, rechtzeitig gegenzusteuern“, sagte gestern etwa der deutsche Bundesbank-Präsident Joachim Nagel. Die EZB gibt sich in der Debatte um die Zinswende aber weiter betont gelassen. Es sei wichtig, dass sich die Notenbank Zeit nehme, sagte EZB-Chefökonom Philip Lane gestern. Auch Baumgartner hält „eine Zurückhaltung in der Geldpolitik derzeit für eine gute Strategie“. Denn eine Zinswende hätte aktuell wenig Wirkungsmacht, weil sie auf die hohen Energiepreise – die der Haupttreiber der Inflation sind – keinen Einfluss hätte. Am 14. April trifft sich die EZB zu ihrer nächsten Sitzung. Im dritten Quartal will sie ihre milliardenschweren Anleihenkäufe beenden, wenn es der Inflationsausblick zulässt. Das Aus des Programms gilt als Voraussetzung für eine Zinswende, die „einige Zeit“ danach vollzogen werden soll.

Um die Situation aktuell zu erleichtern, forderte die SPÖ einmal mehr, die Mietrichtwertanhebung im April auszusetzen. Auch für andere Bereiche der Teuerung lägen „Vorschläge wie Preisobergrenzen und Steuersenkungen längst auf dem Tisch“, sagte Vizeklubchef Jörg Leichtfried. Die Mineralöl- und/oder Mehrwertsteuer zu senken oder auszusetzen, würde aber dazu führen, dass die Energiewende „untergraben“ werde, sagt Baumgartner, „und das wäre ebenfalls suboptimal“. Das dürfte die FPÖ anders sehen: Sie wirft der Regierung vor, die Inflation durch das Festhalten an der CO2-Bepreisung weiter zu befeuern.

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Was bleibt also? Baumgartner hält zielgerichtete Maßnahmen zur Abfederung des Kaufkraftverlustes bei niedrigen bis mittleren Haushaltseinkommen für eine geeignetere Antwort der Politik auf die hohe Teuerung.

Inflation im Euroraum hoch wie nie

Die Inflation im Euroraum ist infolge des Ukraine-Krieges auf ein neues Rekordhoch gestiegen und bringt die EZB zusehends in die Bredouille. Dienstleistungen und Waren kosteten im März durchschnittlich 7,5 Prozent mehr als vor einem Jahr, teilte das Statistikamt Eurostat am Freitag auf Basis einer ersten Schätzung mit. Die Inflation ist weit übers Ziel der EZB von 2 Prozent hinausgeschossen und bringt die weiter auf Niedrigzinskurs steuernden Währungshüter in Erklärungsnot.

Manche Experten zeigten sich alarmiert: "Jetzt kommt es darauf an, dass die EZB endlich den Fuß vom Gas nimmt. Ansonsten steigen die Inflationserwartungen weiter, und die hohe Inflation setzt sich dauerhaft fest", warnte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer.

Haupttreiber sind die stark gestiegenen Preise für Energie, die im Zuge des Ukraine-Kriegs noch weiter anzogen. Sie legten auf Jahressicht um 44,7 Prozent zu, nachdem es im Februar bereits 32,0 Prozent waren. Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 7,8 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) stellt sich auf kurze Sicht auf noch weiter steigende Verbraucherpreise im Euroraum ein. EZB-Vizechef Luis de Guindos rechnet erst in einigen Monaten mit dem Höhepunkt der Inflationswelle. In der zweiten Jahreshälfte soll sie sich dann abflachen.

Zugleich dürfte die Wirtschaft nach dem Ukraine-Schock vorerst nur noch vor sich hindümpeln, wenn der Spanier mit seiner Prognose Recht behält. Für das erste Quartal ist demnach nur ein geringes Wachstum zu erwarten und für das zweite Quartal ein Wert nahe null. Die EZB will im dritten Quartal ihre milliardenschweren Anleihenkäufe beenden, wenn es die Inflationsaussichten zulassen. Das Aus des Bond-Programms gilt als Vorstufe einer Zinserhöhung, die "einige Zeit" nach Ende der Anleihen-Zukäufe vollzogen werden soll. Einige Währungshüter drängen darauf, dass die Wende zügig eingeleitet wird. Der österreichische Notenbankchef Robert Holzmann brachte bereits den September als Termin für eine Zinswende ins Gespräch.

"Der Ukraine-Krieg und die Rückkehr der Corona-Pandemie in China werden den Preisdruck hochhalten, die Inflation wird zum Dauergast", prophezeit Chefökonom Alexander Krüger von der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe. Bei einem Handelsembargo im Streit des Westens mit Russland wegen der Ukraine-Invasion stünden ein Inflations-GAU und eine heftige Rezession bevor, meint er: "Wegen trüber Konjunkturaussichten wird die EZB nicht mehr als Leitzinskosmetik wagen."


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